Frau v. Märzfeld bot dieser an, dann als Gesellschafterin bei ihr zu bleiben, aber Martha schlug das freundlich dankend ab. Sie hatte schon jetzt immer gefürchtet, sich ihrem speziellen Berufe durch die freiere Behandlung Fannys zu entfremden; verließ sie diese, so war es ihr klar, daß sie sich umsehen mußte nach einer Schulstelle.
Während sie mit Fanny fleißig arbeitete und an den kleineren Geselligkeiten des Hauses jetzt gern Anteil nahm, wurden allerlei Briefe und Zeitungsannoncen ausgesandt, und schon vor dem neuen Jahre wurde ihr die Stelle, auf der wir sie im Anfange unserer Erzählung fanden, zugesagt.
Sie konnte nur mit warmer Dankbarkeit aus dem Hause der Frau v. Märzfeld scheiden. Wie schwer war es zuerst, wie leicht wurde es dann! Wie schien erst alles so kalt, und nun fühlte sie sich so warm von Freundschaft und Liebe umgeben!
Ihre Thränen flossen, auch die Thränen der anderen, als sie Abschied nahm; aber sie traute fest darauf in ihrem Herzen, daß Gott sie auch in der neuen Lebenslage an seiner Hand führen werde, und sagte leise und getrost, als sie einsam dahinfuhr und die lieben Gesichter, die sie zum Bahnhof begleitet, ihren Augen entschwanden: „In Gottes Namen!“
11.
Auf eigenen Füßen.
Ja, was hätte das arme, junge Mädchen wohl anfangen sollen, wenn sie nicht ihre Zuversicht auf ihren Vater im Himmel gesetzt hätte? Sie machte sich jetzt keine Illusionen mehr, sie wußte, daß die neue Lage große Schwierigkeiten mit sich brachte. Zum erstenmale trat sie nicht in eine fremde Häuslichkeit als Mitglied ein, zum erstenmale sollte sie des unmittelbaren Schutzes entbehren!
Das Leben im Märzfeldschen Hause war in den Außendingen dem sehr ähnlich gewesen, das sie im elterlichen Hause geführt hatte; da war nie ein Mangel an Speise und Trank; da war sie so gestellt, daß sie sich ohne Sorgen anständige Kleidung und nebenbei manch gutes Buch anschaffen konnte; die ganze Umgebung war fein und nett; ja, sie war jetzt wieder verwöhnt, recht sehr verwöhnt! Würde sie es lernen, mit ihrem kleinen Gehalte anständig auszukommen?
Ihr erster Weg war zum Direktor der Schule; er empfing sie ernst und würdevoll, aber teilnehmend. Als sie ihn um seinen Rat wegen ihrer künftigen Wohnung bat, hatte er sie an Fräulein Klug gewiesen, und obgleich dieselbe ihr zuerst mehr schroff als herzlich entgegengekommen war, hatte doch das Bedürfnis nach irgendeinem Anschlusse gesiegt: sie war mit der alten Kollegin in eine Etage gezogen, und wir haben schon gesehen, wie sehr dies zum Besten der beiden Beteiligten war.
Auch in der Schule gab es anfangs große Schwierigkeiten. Sie hatte sich gewöhnt, auf die Eigentümlichkeit ihrer Schülerin die größte Rücksicht zu nehmen, und hätte dies gern fortgesetzt; wenn aber so viele verschieden angelegte Kinder ein Klassenziel erreichen sollten, war dies nur in beschränktem Maße möglich; der Direktor mußte sich einmischen und sie auf geordnetere Bahnen weisen, und der Martha erschien es, wenn sie ihm folgen mußte, als gäbe sie ihr Allerbestes auf! Sie machte auch gern im Unterrichte Exkursionen, zog das Interessante und Anregende dem unbedingt Nötigen vor und kam dann ins Gedränge mit ihrem Lehrstoff. Da gab es manche Reibung, manches innere und äußere Unglück, bis ein unausgesprochenes Übereinkommen zustande kam, indem Martha einsah, daß in einem so großen, gut organisierten Ganzen der einzelne sich unterordnen muß, wenn es auch mit manchem Opfer geschieht, und der Direktor dagegen, als er Marthas beglückenden, erziehenden Einfluß auf ihre jungen Schülerinnen sah, ihr so viel Freiheit gewährte, als es sich mit seiner Schulordnung irgendwie vertrug.
All’ diese Erfahrungen ihres jungen und doch so wechselvollen Lebens gingen an ihrem Geistesauge vorüber, als sie am Weihnachtsabend dem Verglimmen der Lichte am Tannenbaume zusah. Wie viel hatte sie erlebt, seitdem sie mit Siegfried im Hause der Eltern das Weihnachtslied der Urgroßmutter gesungen! Oft, oft hatte sie dies Lied seitdem gelesen, gesungen hatte sie es nie mehr; es war ihr immer gewesen, als ginge das nicht ohne ihn. Ja, sie hatte hindurch gemußt durch Armut, durch Leid, durch Niedrigkeit; sie hatte an des Todes Pforten gestanden, als ihre Lieben hindurchgegangen waren; aber überall hatte Gottes Hand sie gehalten und zärtlich wie eine Mutter sie durch die schwersten Stunden geführt. Aus jeder schweren Lebenslage war ihr ein Gewinn geblieben, viel Liebe und Freundschaft, das hatte sie in diesen Tagen erfahren.