Dort lagen unterm Spiegel die Briefe ihrer Lieben; dort im Wandschranke waren die Schätze aufgespeichert, die Judith ihr aus ihrer Wirtschaft geschickt; dort in dem kleinen Kasten lagen Fannys und Luciens feine Arbeiten; dort sah sie auch auf Suschens letzten glücklichen Brief nach der Geburt ihres ersten Kindchens; und so reich und schön dies alles war, der innere Gewinn war doch noch größer. Die Sehnsucht kam wohl nach ihrem Siegfried, die Sorge: „Werde ich durchkommen? Wie wird es mir gehen, wenn ich alt und gebrechlich werde wie Fräulein Klug?“ Aber nein! sie wollte nicht zittern und zagen, sie wollte sich und Siegfried fest in die Vaterhand legen, die den eingebornen Sohn aus Liebe uns geschenkt. Ja, heute, heute konnte sie, heute wollte sie das Lied der Urgroßmutter wieder singen; sie öffnete das Instrument und sang mit voller, klarer Stimme:
Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht,
Die uns das höchste Gut gebracht:
Dich, Gottessohn, dich, Königskind,
Das man im Stall und Kripplein find’t.
Schluß.
Einige Stunden früher schleppte sich der Kurierzug nach B. durch die verschneite Landschaft. Er machte seinem Namen heute wenig Ehre; zu gewaltig fielen die Schneemassen, zu heftig jagte sie der Wind in die Hohlwege, welche der Zug passieren mußte. So lange man durchs offene Land fuhr, konnten Kolonnen von Arbeitern die Schienen leidlich vom Schnee befreien, und wenn es auch viel langsamer ging als sonst und die Stationszeiten nirgends eingehalten werden konnten — es ging doch vorwärts!
In einem Coupé zweiter Klasse saß ein Herr mit noch jungem aber ernstem und gebräuntem Angesichte, das fast traurig in den Schneesturm hinausblickte, der seine kleinen, feinen Krystallsternchen so gegen das Fenster warf, daß man nur in einzelnen, seltenen Pausen einen Ausblick auf die Umgebung bekam; er zeigte auch nichts weiter, als ein großes weiß-graues Tuch, welches Häuser, Bäume, Felder und jede Ungleichheit des Terrains verhüllte und verdeckte. Die Wagen waren geheizt, aber man merkte nichts davon; der eisige Sturm drang durch alle Ritzen, und zwei Jünglinge, dem Pelzumhüllten gegenüber, schlugen mit den Armen übereinander, um sich zu erwärmen.
„Ob wir heute noch nachhause kommen, Alfred?“
„Wollen’s hoffen“, entgegnete der Gefragte; „es wäre ungemütlich, den Abend im Schnee zu verbringen statt unter dem Weihnachtsbaum.“