Der Ältere sah nach seiner Uhr: „Es ist schon fast zwei Stunden über die Zeit, auf dem Bahnhofe kann wohl niemand mehr sein.“

Da ertönte ein schriller Pfiff — Stationslichter — der Schaffner öffnet die Thür: „N., Aussteigen!“

Mit einem Satz, die bunten Studentenmützen fröhlich lüftend, waren die beiden Jünglinge draußen; man sah zwei vermummte Mädchengestalten und einen etwa zehnjährigen Knaben.

„Fritz, Elisabeth, Julchen, ihr alle hier? Na, kommt nur schnell nachhause! Da ist auch Heinrich mit dem Schlitten!“ Die Thür flog zu, der Zug dampfte weiter.

Der Reisende in der Ecke seufzte schwer: „Nachhause! Die Glücklichen gehen nachhause! O, wo ist mein Zuhause auf der ganzen weiten Welt?“

Heute vor fünf Jahren da hatte er zum letztenmal ein Zuhause gehabt; nicht bei Vater und Mutter, die lagen schon lange unterm Rasen, aber bei ihr; sie hatten zusammen unter dem brennenden Baum gestanden, sie hatten geträumt von einer süßen, gemeinsamen Heimat — und schon am anderen Morgen war alles zusammengebrochen! Als sich seine heißen Wünsche nicht gleich erfüllt hatten, da war er fortgestürmt in die Ferne ohne Abschied, Zorn und Stolz im Herzen und hochfliegende Hoffnungen und Erwartungen auf Glück und Reichtum. Übers Weltmeer war er gezogen, dort in Missouri wußte er eine Thür, daran durfte er nur klopfen, damit Fortuna ihr Füllhorn über ihn ausgoß; dort lebte der einsame Oheim, der sich nach seiner Hilfe und Gesellschaft sehnte und den er beerben sollte.

Nach mancherlei Fährlichkeiten zu Wasser und zu Lande stand er vor dem stattlichen Hause; der Oheim war ausgegangen; ein frisches, junges Weib, mit einem lustigen, kleinen Buben auf dem Arm, empfing ihn. Sie war nicht herzlos, nicht unfreundlich, auch der Oheim, als er heimkehrte, war es nicht; aber daß sich seine Aussichten hier völlig verändert hatten, das brauchte ihm ja niemand zu sagen.

Der Onkel hatte ihm unter die Arme greifen, ihm die Wege ebnen wollen zum Vorwärtskommen; er hatte alles in seinem Hochmut abgelehnt und sich auf seine eigene Kraft verlassen. Er wurde bald inne, daß er etwas Schweres unternommen hatte; er suchte eine Stelle als Landwirt — man bot ihm Knechtsarbeit; er wollte als Kaufmann auf einem Comptoir arbeiten — und fand keine Stelle.

Da kam die Not. Sein kleines väterliches Vermögen war ihm im Vaterlande sichergestellt, daran konnte und wollte er nicht rühren; an seinen väterlichen Freund zu schreiben, konnte er sich nicht entschließen; da ging es tief hinunter mit seinen hohen Gedanken.

Monatelang hatte er als Arbeitsmann sein Brot verdient, dann war er Sprachlehrer gewesen; er hatte sein Leben kärglich gefristet; aber erworben, irgendetwas erworben, das er ihr bieten konnte, das hatte er nicht.