Darum schrieb er ihr nicht; was sollte er ihr schreiben? In einer elenden Nacht, da sein ganzes Geschick sehr dunkel vor ihm lag, und ihres auch, da wurde es ihm klar: „Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbst eig’ner Pein läßt Gott ihm gar nichts nehmen, es muß erbeten sein!“
Und er lernte wieder beten; das verirrte Kind klopfte an des rechten Vaters Thür und der Vater that ihm auf und tröstete ihn.
Er war mit einem Deutschen zusammengekommen, der hatte ein herrliches Grundstück für ein industrielles Unternehmen und ein großes Kapital zum Anfang; aber ihm fehlte, was Siegfried besaß: Intelligenz, Kenntnisse, Thatkraft. Er bot eine namhafte Summe, wenn dieser ihm sein Geschäft in Gang bringen wolle, und fortdauernden Anteil am Gewinn.
Das Unternehmen gelang; sowie dies sich zeigte, hatte Siegfried an sie geschrieben, an seine Martha; er erhielt keine Antwort.
„Sie wollen ihr den Brief nicht zeigen“, dachte er, und als nach einem Vierteljahre keine Antwort kam, schrieb er noch einmal, diesmal an den Vater; wieder lange, lange keine Antwort. Endlich kam der Brief zurück: „Adressat seit Jahren tot, Angehörige verzogen.“
O Gott, wie wurde nun sein Herz so schwer! Sobald sich’s thun ließ, ging er nach Newyork, um dort womöglich Landsleute zu treffen; es gelang ihm; sie brachten die Schreckenskunde vom Konkurs und dem gleich darauf erfolgten Tode des Kommerzienrats; aber niemand, niemand wußte, wo die Seinigen geblieben waren.
Welche Qual! Er schrieb an den Onkel Konsul und erfuhr auch dessen Tod. Wie lang, wie endlos lang wurde ihm das Jahr, das er durchaus noch in Amerika verleben mußte, wenn das Unternehmen in sicheren Gang kommen sollte!
Nun war er in der Heimat, bei ungünstiger Jahreszeit in Sturm und Wetter herübergefahren, und schon wochenlang irrte er umher und suchte sie, ohne eine Spur von ihr entdeckt zu haben. Auf der Post wußte man nichts mehr von ihrer Adresse; die Angehörigen des Onkel Konsul waren nach dem Süden gezogen; entferntere Bekannte erinnerten sich, in irgendeiner Zeitung die Todesnachricht der Frau Feldwart gelesen zu haben; sie wußten nicht mehr, wann und woher, und die Zeitung fand sich nicht. Das war ihm gewiß: er mußte in der Heimat bleiben, mußte seine Nachforschungen fortsetzen; es mußte ja möglich sein, sie zu finden; wenn es gar nicht anders ging, durchs Einrücken in die Blätter.
Ach, wenn er doch damals in seinem Hochmut nicht fortgegangen wäre! Wie viel hätte er der Verlassenen sein können! Es konnte aber länger dauern, bis er sie fand, und er wollte sich einen Wirkungskreis schaffen, um nicht müßig zu sein, und hatte sich hier und da ein Besitztum angesehen, das seinen Mitteln und Ansprüchen entsprach.
So verlassen, so betrübt, so voll Sehnsucht hatte er sich noch nie gefühlt wie heute; zum erstenmale kam ihm der Gedanke, sie könne gestorben sein oder — was war schlimmer? verheiratet. Er dachte daran: „Es ist ja Weihnachten!“ Es fiel ihm der Engelgruß ein: „Siehe, ich verkündige euch große Freude!“ Ach, in seinem Herzen da war nur Leid; er bat den lieben Gott um einen Brosamen von der Freudenfülle, die sich heute über die ganze Welt ergoß, und sein Herz wurde stiller und ergebener, wenn es auch eben noch nicht fröhlich wurde.