Der Bahnzug fuhr jetzt langsam an einer kleinen Station vorüber; hier hielten die Kurierzüge nicht an, es ging weiter in die Nacht hinein. Da auf einmal ging es langsam, immer, immer langsamer; man sah an den Seiten schwarze, vermummte Gestalten mit Laternen und Schaufeln arbeiten; man hörte durch den Sturm hindurch die Unterhaltung der Schaffner mit den Leuten. Aber alle Anstrengungen waren vergeblich; immer höher baute sich die Mauer im Hohlwege, die der Zug nicht durchbrechen konnte; sollte er nicht ganz darunter begraben werden, mußte man zurückkehren zu der kleinen Station; es geschah.

Frierend stieg der Reisende aus und wollte eben in die Restauration treten, da klang es durch den Sturm wie Glockengeläute und durch das Schneetreiben schimmerte es auf einem nahen Hügel wie erleuchtete Fenster.

„Ist hier Christvesper?“ fragte er.

„Ja wohl, unsere Kinder wollen eben hin.“

Der Reisende fror, er hätte sich gern erst gewärmt, aber eine deutsche Christvesper — die heimelte ihn gar zu sehr an. Ach ja, es ward ihm auch innerlich warm und wohl, als er mitsingen durfte: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit!“ Er schmeckte den süßen Trost für alles Weh, der in der himmlischen Freudenbotschaft lag; aber er betete, betete aus vollem Herzen, Gott wolle ihm die wiederschenken, die vor fünf Jahren die letzte Christvesper neben ihm gefeiert.

Siegfried, siehst du sie nicht, die schlanke Gestalt, die gar nicht weit von dir neben dem Pfeiler sich über ihr Gesangbuch beugt? Nein, er sah sie nicht; sie kehrte ihm den Rücken, und ihre weiße Capote verhüllte den jugendlichen Kopf.

Als die Christvesper zu Ende war, trat er in ein Gasthaus, um sich zu erwärmen und etwas Speise zu sich zu nehmen; wenige Reisende fand er hier — sie waren heute alle zuhause!

Eine Stunde verging in gleichgültiger Unterhaltung; Siegfried trat ans Fenster: es hatte sich schon während des Gottesdienstes aufgehellt, jetzt war es völlig still. Er wollte nach dem Bahnhofe und sich erkundigen nach der Weiterreise. Ein schriller Pfiff der Lokomotive machte es ihm wahrscheinlich, daß es die höchste Zeit sei.

„Ist hier der nächste Weg nach dem Bahnhofe?“ fragte er eine vorübereilende Frau.

„Nein, gehen Sie hier durch die Schustergasse, das ist näher!“