Er ging weiter, aber er ging wie im Traum; er war mit seinen Gedanken bei dem Weihnachtsabend vor fünf Jahren; er dachte an Urgroßmutters Weihnachtslied: „Du wurdest arm, daß ich würd’ reich; nun gilt mir arm und reich sein gleich.“ Das wußte er noch, denn daran hatte er damals seinen Antrag geknüpft. O, wie wünschte er, das ganze Lied noch zu können, jetzt könnte er’s mit anderem Sinne singen!
Was war das? War es eine Geisterstimme? Hoch über ihm klang’s herab, und ach, mit welcher Stimme: „Sei mir gegrüßt, geweihte Nacht, die uns das höchste Gut gebracht; dich Gottessohn, dich Königskind, das man im Stall und Kripplein find’t.“
Einen Augenblick stand er wie in einen Traum versunken, dann kam Bewußtsein und Bewegung.
„Wer singt da?“ fragte er einen Schusterjungen, der eilends vorüberlief, um noch Schuhe wegzutragen, die beschert werden sollten.
„Es wird die neue Lehrerin, die Fräulein Feldwart, sein!“
Ach, da war im Nu der Fremde im Hause verschwunden; unten im Flur brannte ein trübes Lämpchen, das ihm die Treppe zeigte. Er wollte sehr leise hinaufgehen, aber oben war kein Licht; er trat fehl und die Stufen knarrten. Martha brach mitten im zweiten Vers ab und öffnete die Thür.
Fast erschrocken stand sie dem Manne im Reisepelz gegenüber; vorsichtig und schüchtern trat er näher.
„Erschrecken Sie nicht, Martha, es ist ein alter, treuer Freund!“
Ach, jetzt wußte sie, wer es war, jetzt hielt er sie umschlungen und mußte sie halten, damit sie nicht umsank, und dann hörte man lange, lange nichts anderes als leises Schluchzen; ja, dies Weihnachtsgeschenk war so groß, daß es das schwache Herz nicht gleich fassen konnte.
Aber dann tauschten sie ihre Erlebnisse aus, erst abgerissen und dann zusammenhängender, und sahen sich dabei an und fanden, daß wohl etwas von der Rundung und dem Schmelz der ersten Jugend aus den Zügen fort war, aber dafür etwas darin, was viel, viel schöner war; und die alte Liebe und Treue, die war geblieben, und daran hatten sie beide niemals gezweifelt.