„Martha“, sagte Siegfried, „wir haben’s nun so oft gesungen; ‚Nun will ich gern gering und klein, Herr, dir zu Lieb und Ehren sein‘, und: ‚Nun gilt mir arm und reich sein gleich‘; ich möchte wissen, ob das so ganz und gar Ihr Ernst ist!“
„Natürlich“, sagte sie, und schlug die Augen zuversichtlich zu ihm auf.
Das war ja gewiß; sie hatte in ehrlicher Begeisterung das Lied mit ihm gesungen, aber: was dachte sie sich wohl unter: arm sein? Was man gar nicht kennt, das fürchtet man nicht. Statt Sammet und Seide Wolle tragen, statt Kaviarsemmeln nur Butterbrot essen; in einer recht reizenden rosenumrankten Hütte wohnen — warum denn nicht? Es fragte sich nur, mit wem?
„Sehen Sie, Martha“, fuhr er fort (sie begegneten jetzt einer Schar lärmender junger Leute, und er legte ihren Arm in den seinigen): „Sehen Sie, den ganzen Tag ist mir so weh gewesen bei dem Gedanken, daß ich so weit von Ihnen fort soll, als könnte ich das gar nicht ertragen. Wenn Sie wirklich möchten klein und arm sein, vielleicht brauchten wir uns nicht zu trennen; vielleicht könnte ich die liebe kleine Hand in meiner behalten ein ganzes Leben lang.“
Wie glückselig blitzten Marthas Augen auf; aber es war nur ein rascher Blitz, ein tiefer Schreck verscheuchte den leuchtenden Ausdruck: „Aber Siegfried! meine Eltern, und Amerika!“
„Darüber sein Sie ruhig, Martha, ich denke, es soll gehen ohne den Oheim in Missouri.“
Martha dachte nach: „Sie meinen, der Vater könnte uns hier ein Gut kaufen?“
„Nein, Martha, das nicht! Das wäre sehr unbescheiden gedacht und ganz gegen meine Ehre. Wissen Sie, ich denke es mir so: Ein kleines Vermögen besitze ich selbst; jetzt ist die Pacht vom Rosenhof frei; ich besah das Gut neulich, als unser Regiment in der Nähe rastete; die Verhältnisse sind sehr günstig; wenn mir Ihr Vater mit einem mäßigen Vorschuß und seinem Kredit helfen wollte, daß ich es übernehmen könnte, und wir fingen dann recht klein und fleißig an, und wenn wir leidlich gute Jahre hätten, zahlten wir es nach und nach ab; das sollte doch wohl gehen!“
„Rosenhof!“ herrlicher Name! „Gutsfrau sein, und seine Gutsfrau!“ entzückender Gedanke! Sie sah sich schon im rosa Satinmorgenrock mit frisurenbesetzter Schleppe, feinem Morgenhäubchen, weißer gestickter Batistschürze, den blanken Fülllöffel in der Hand zwischen lauter weißen, rahmbedeckten Milchsatten stehen, und als er fragte: „Nun Marthchen, wie ist es, willst du es mit mir wagen?“ da sah sie ihn glückselig an und drückte leise seine Hand; sie konnte auch weiter nichts sagen, denn die Kirche war erreicht, und der volle Orgelton klang ihnen entgegen.
Ob die beiden heute Abend sehr, sehr andächtig waren? Glücklich und hoffnungsvoll waren sie und trugen auch dem lieben Gott immer wieder ihren Herzensdank und ihre stillen Wünsche vor; aber die echte rechte Weihnachtsfreude war heute nicht in ihren Herzen. Auf dem Heimwege gesellten sich Bekannte zu ihnen, da konnten sie wenig reden. Nur bat Martha: „Sage heute Abend dem Vater noch nichts; er kann niemals schlafen, wenn er sich abends aufregt; komme lieber morgen nach der Kirche“.