Frau Feldwart war eben so bestürzt als Martha. Als eine halbe Stunde lang in des Vaters Zimmer kein Ton zu hören war, ging sie leise zu ihm hinein. Martha saß mit angehaltenem Atem; es schien ihr eine Ewigkeit vergangen zu sein, bevor die Mutter zurückkam. Sie sah blaß und verweint aus, setzte sich neben Martha, nahm ihre Hände und sagte: „Mein gutes, armes Kind, du mußt dich darein finden; dein Vater hat dem Siegfried nein gesagt. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es gar nicht; aber er muß sehr ernsthafte Gründe haben; er ist selbst so erschüttert, ich fürchte, es wird ihm schaden.“
Martha starrte die Mutter an und schüttelte ganz langsam den Kopf: „Es kann ja nicht sein, es kann ja gar nicht sein!“
Sie saßen eine Weile starr und stumm.
„Martha“, sagte die Mutter nach einiger Zeit, „versprich mir eins: sei jetzt ruhig und quäle den Vater nicht; ich fürchte, es steht nicht zum besten um seine Gesundheit; ihr seid beide noch jung, Siegfried hat dich sehr lieb. Wenn die Hindernisse, welche zwischen euch liegen, überwunden werden können, so überwindet er sie mit der Zeit; es ist irgendetwas dabei, was ich nicht begreife. — Hörst du, Martha? füge dich und quäle den armen Vater in diesen Tagen nicht!“
Martha versprach es unter heißen Thränen. Der Gedanke, Siegfried werde alles versuchen, ihre Hand zu erlangen, war ihr tröstlich. Das Wiedersehn mit dem Vater erschütterte beide sehr; er drückte sie immer wieder ans Herz: „Mein armes Kind, es geht ja nicht anders! Martha, sei ruhig! mach mir das Herz nicht noch schwerer!“ Er sah so unsäglich elend aus, daß Martha wirklich den Versuch machte, sich äußerlich zu bezwingen. Langsam und trübe schlich die Festwoche dahin; die geplanten Vergnügungen wurden abgesagt mit dem Bemerken, daß Herr Feldwart unwohl sei. Die Freunde, welche ins Haus kamen, fanden Frau Feldwart nur etwas ernster als sonst, und Martha ließ sich nicht sehen.
Mit den Neujahrskarten kam ein Brief von Siegfried:
„Meine liebe Martha!
„Da mich Dein Vater abgewiesen hat, ohne mir auch nur die geringste Hoffnung zu lassen, so eile ich nun dahin, wo ich sicher glaube, mir so viel zu erwerben, daß ich, so Gott will, später mit größerem Rechte vor ihn hintreten und meinen Wünschen Geltung verschaffen kann. Bis dahin behüte Dich Gott: ich will kein Versprechen und gebe Dir keins, aber, daß ich Dich fort und fort lieben werde wie heute — das weiß ich! Der Vater meines Freundes und Kameraden, General W., war mir behilflich, meine hiesigen Verpflichtungen schnell zu lösen, und wenn Du diese Zeilen liesest, bin ich bereits auf dem Wege nach Bremen, wo ich mich einschiffen will nach meiner neuen Heimat. Sei tapfer und hoffe, meine liebe Martha, wie Dein betrübter, treuer Siegfried Kraus.“
Einen Augenblick war sie glücklich; es war ja ein Lebenszeichen von ihm; im andern wurde es ihr klar: er war ja fort, weit fort! Wie lange würde sie ihn nun nicht sehen, vielleicht nicht einmal von ihm hören; es war ihr, als wäre ihr ganzes Jugendglück, aller Sonnenschein und jede Hoffnung ihres Lebens mit ihm eingeschifft und zöge von ihr fort in unabsehbare Ferne. Sie weinte — weinte, als sollte ihr das Herz brechen. Dann bezwang sie sich, so lange sie bei den Eltern war; aber abends in ihrem sonst so trauten Stübchen, da brach der Schmerz aufs neue aus. Sie wollte sich Trost suchen, sie holte ihre Bibel, aber die Worte verschwammen vor ihren umflorten Augen; sie dachte des Weihnachtsliedes: „Ich bin zum Leid nun auch bereit, da du es durch dein Leid geweiht!“ Aber dies Leid war ja zu schwer, an solche Trübsal hatte sie dabei nicht gedacht. Sie suchte ihr Lager; vor acht Tagen war sie so glückselig eingeschlafen; konnte man denn in einer Woche so unglücklich werden? Das Kopfkissen war naß von ihren Thränen, und Mitternacht war lange, lange vorüber, da erst trat mit leichtem, leisen Schritte der Schlummerengel ins Zimmer und deckte sie und ihren heißen Schmerz mit seinem kühlen, weichen Flügel zu.
Als Martha am andern Morgen erwachte, drang schon das Morgenlicht durch die halbgeöffneten Jalousieen. Wie schwer ist das Erwachen, wenn über Nacht das ganze Leben eine andere Gestalt angenommen hat. Langsam und mechanisch kleidete sie sich an zu einem Leben ohne ihn und ohne Freude. Daß es unten im Hofe unruhiger war als sonst, hörte sie anfangs nicht, und als sie es wahrnahm, schob sie es auf die vorgerückte Tageszeit. Ihr Zimmerchen lag nach dem Hofe heraus; an der gegenüber liegenden Seite desselben zogen sich die Comptoirräume hin. Als sie die Fenster öffnete, fiel ihr eine hohe, kräftige Männergestalt in die Augen, welche mit eiligem Schritt ins Geschäftslokal trat: „Onkel Konsul, so früh am Morgen?“ Der erste Buchhalter lief mit Briefen hin und her; einige der jungen Kaufleute, die sonst um diese Zeit fest im Comptoir saßen, standen im eifrigsten Gespräche mitten im Hof; das Bild war ganz anders, als sie es sonst zu sehen gewohnt war, eine unbestimmte Sorge stieg in ihrem Herzen auf, und sie eilte ins Frühstückszimmer. Hier war keine Veränderung zu bemerken, als daß die Mutter sie mißmutiger als gewöhnlich begrüßte.