„Es ist heute ein ungemütliches Frühstücken“, sagte sie. „Der Vater ist schon seit einer Stunde fort; er hat nicht einmal seine Tasse Kaffee ausgetrunken, und nun kommst du so spät! Ich dachte schon, du kämest gar nicht mehr.“

„Ich schlief so spät ein“, sagte Martha betrübt, „und beim Papa ist schon Onkel Konsul zum Besuch.“

„Onkel Konsul? Was muß der wollen? Der kommt ja sonst doch nicht so früh!“

Konsul M. war ein Vetter der Frau Feldwart und der nächste Freund ihres Mannes. Sie sollten nicht lange auf die Erklärung warten, schon nach einer halben Stunde erschien der Erwähnte mit ganz ungewöhnlich ernstem, feierlichem Gesichte, schnitt die Begrüßung seiner Cousine kurz ab, setzte sich zu den Damen und sagte: „Ich habe euch leider eine sehr ernste Mitteilung zu machen, ihr Lieben.“

„Ist Papa krank?“ rief Martha und eilte zur Thür.

„Nein, Martha, bleib! Er ist sehr angegriffen, aber krank ist er bis jetzt nicht. Ihr versteht nichts von Geschäften, aber das wißt ihr, daß in London zwei große Handelshäuser gefallen sind. Es waren Häuser, mit denen Feldwart in fortwährender Verbindung stand, und es trafen ihn infolge davon Verluste auf Verluste. Doch hatte er bis gestern immer noch einige Hoffnung, daß er sie ausgleichen und seine Handlung retten könne. Ein Brief am heutigen Morgen zeigt ihm den Fall einer Firma in Hamburg an, mit welcher er noch viel enger verbunden war. Es ist nun keine Hoffnung mehr, daß er sich halten kann, und er schickte zu mir, daß ich ihm helfen soll, alle die schlimmen Schritte zu thun, welche nötig sind bei der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit.“

Frau Feldwart saß auf ihrem Stuhle und starrte den Sprecher an, als könnte sie nicht fassen, was er sagte.

Martha sprang auf: „Mein Vater! mein lieber Vater! ich muß zu ihm!“

In diesem Augenblick trat er herein, von seinem alten Kutscher geführt — ein Bild des Jammers! Der alte Johann setzte ihn in seinen Lehnstuhl und einen Augenblick verließ ihn das Bewußtsein; eine tiefe Ohnmacht umschleierte seine Sinne; unter Marthas Bemühungen kam er wieder zu sich. Sie kniete neben ihm und stützte seinen Kopf, als er allmählich sich seiner Umgebung bewußt wurde. Er sah sie schmerzlich an: „Mein Kind, mein armes Kind! verstehst du es nun? ich durfte ihn ja nicht mit hineinziehen; ich versprach seinem Vater, für ihn zu sorgen.“

Ja, sie verstand alles; aber ihr ganzes Herz bebte jetzt nur im Mitgefühl mit dem Vater, der in wenigen Stunden ein Greis geworden war. Er fing jetzt an zu weinen, zu weinen wie ein Kind. Martha hatte ihn noch nie weinen sehen. Sie netzte seine Schläfen mit wohlriechendem Wasser, sie holte Wein vom Frühstückstische und nötigte ihn zu trinken. Arme Martha! Ein wenig Beruhigung für sein Herz wäre die beste Medizin gewesen. Die Mutter konnte ihm diese nicht geben, sie saß noch immer stumm und rang die Hände; aber sein Freund trat zu ihm und sagte: „Feldwart, willst du die ganze Sache in meine Hände legen? Willst du mir Vollmacht geben, mit deinen Gläubigern zu unterhandeln und Verträge abzuschließen?“