„Ja, M., ich danke dir tausendmal!“

Die gerichtliche Vollmacht wurde noch an demselben Morgen ausgestellt, und es zeigte sich bald, daß dies gut war, denn es stellte sich beim Kommerzienrat ein schlummerartiger, fieberhafter Zustand ein; er mußte zu Bett gebracht werden und fing an zu phantasieren. Martha verlebte acht schwere und sorgenvolle Tage und Nächte an seinem Lager, nur unterstützt von dem treuen, alten Johann. Frau Feldwart ging ab und zu, ordnete auch wohl dieses und jenes an; aber es schien, als sei in dem furchtbaren Augenblicke, da die Stütze des Reichtums in ihrer Hand zerbrach, alle Ruhe und Haltung von ihr gewichen. Sie ging von Zimmer zu Zimmer, stand hier einmal am Fenster und dort einmal und starrte ins Leere; sie sah keinen Zielpunkt für ihre Augen, keinen Stab, an dem sie sich halten und aufrichten konnte. „Arm, arm, ganz arm!“ hörte man sie immer wieder sagen.

Es war der Vermittelung und Fürsorge des Konsuls zu danken, daß für jetzt noch die Wirtschaft im alten Gange blieb.

Am neunten Tage saß Martha des Morgens an ihres Vaters Bett, als er die Augen matt aufschlug: „Wo ist die Mutter?“

Sie trat im selben Augenblick herein.

Einen Augenblick sah der Kranke beide freundlich an, dann ging eine Erschütterung über sein Gesicht: noch ein leiser Seufzer, ein Zittern, und er war aller Angst und Not entrückt. Aber für die Seinen begann sie in doppelter Weise. Bis zum Begräbnis gelang es dem Konsul, die Ruhe um die beiden Trauernden zu erhalten; sie waren sehr verschieden, diese beiden! Bei der Mutter mischte sich die Angst vor der drückenden Lage, welcher sie entgegenging, so sehr mit der Trauer über den Verlust ihres Gatten, daß all’ ihre Klagen mit Bitterkeit gemischt waren und sie zu einer reinen, wohlthuenden Empfindung ihres Schmerzes gar nicht kommen konnte, noch viel weniger zu dem Entschluß, irgendeinen Plan für ihre Zukunft zu entwerfen. Martha fühlte, wenn sie an ihren zärtlich geliebten Vater dachte, eine solche Beruhigung, ihn aller Not entrückt zu wissen, daß ihre Thränen oft recht sanft und lind flossen; sie fühlte auch Mut für die Zukunft, sie hatte den ernstlichen Willen, ihrer verzagten Mutter das Leben nicht schwer, sondern leicht zu machen, zu tragen, zu arbeiten, so viel sie konnte, aber freilich: über das Wie? war sie ganz im unklaren; hier hoffte sie ganz auf den Beistand des Onkel Konsul, und dieser wurde ihnen ja auch nach Möglichkeit zuteil. Kaum war das Begräbnis seines Freundes vorüber, als er bei den betrübten Frauen eintrat, um ihnen ihre Verhältnisse klar darzulegen und über ihre nächste Zukunft zu beraten. Das Vermögen der Frau Feldwart war ganz mit im Geschäft gewesen und nicht zu retten. Aber der Verstorbene hatte in sehr hoher Achtung bei seinen Berufsgenossen gestanden; so kam den Bemühungen seines Freundes von allen Seiten viel guter Wille entgegen, und es wurde dadurch möglich, nach dem Vergleich mit den Gläubigern eine kleine Summe zu erübrigen, von welcher die Witwe, mit einer Leibrente, welche sie besaß, notdürftig leben konnte; auch wurde ihr auf demselben Wege so viel an Hausrat und Wäsche zugestanden, als sie zur ersten Einrichtung notwendig brauchte.

Das war ja klar, daß die Verwaisten sich einen kleineren und billigeren Wohnort suchen mußten. Frau Feldwart war auf einem großen Gute erzogen in der Nähe der nicht ganz unbedeutenden Kreisstadt H., die freundlich zwischen Feldern, Wiesen und baumreichen Gärten lag. Konsul M. kannte dort einen älteren Beamten, dem er den Auftrag gab, eine bescheidene Wohnung zu mieten, auch dort am Orte ein Mädchen zu besorgen, da bei der ganzen bisherigen Lebensweise der Frauen nicht zu hoffen war, daß sie sich ohne ein solches behelfen könnten. Es kam denn auch bald die Nachricht, daß beides geschehen sei. So wurde mit des alten, betrübten Johanns Hilfe und unter Leitung des Onkels Konsul der Möbelwagen gepackt, und die Frauen durften abreisen, bevor das schöne Haus mit seiner trauten, prächtigen Einrichtung unter den Hammer kam.

Konsul M. brachte seine Verwandten zur Bahn; Frau Feldwart sah starr, bleich und unglücklich aus, sie hatte in den letzten Tagen kaum ein Wort gesprochen; Martha hing weinend an des Vetters Halse. Nun saßen sie im Coupé, langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Die Mutter schloß die Augen, während Marthas umflorte Blicke jeden lieben, bekannten Gegenstand gleichsam noch einmal mit Liebe umfaßten, bevor sie sich von ihm losrissen. Dort entschwanden die Straßen, in denen sie so fröhlich gewandelt war; da in der Ferne die Linden, unter deren Schatten der Vater schlummerte; hier die Bäume, unter denen Er, ach, vor so kurzen Wochen, ihr gesagt, daß er sie liebe; er wußte nicht, daß sie ins Elend zog; ihn trugen jetzt die Meereswellen hinaus, weit hinaus, einer glänzenden Zukunft entgegen! Wenn er es gewußt hätte, wie es um ihren Vater stand — er wäre nicht gegangen! Er durfte es niemals, niemals erfahren; er mußte dort im fernen Westen glücklich werden. Und sie? ach, sie kam sich vor wie ein losgerissenes Blatt, ratlos, kraftlos, willenlos vom Sturm der Zukunft entgegengetrieben. Hilfesuchend falteten sich ihre Hände und unwillkürlich kamen ihr die Worte auf die Lippen, die sie zuletzt mit ihm gesungen:

„So nimm mich hin, Rat, Kraft und Held,

Und mach’ aus mir, was dir gefällt.“