4.
Not und Sorgen.
Johann war abgereist, nachdem unter Marthas Leitung und mit seiner treuen Hilfe die kleine Wohnung in möglichst behaglichen Stand gebracht war. Er hatte noch Holz und Kohlen herbeigeschafft, hatte dem Mädchen sämtliche Wirtschaftsgeräte, Eimer, Besen und Bürsten mit den eindringlichsten Ermahnungen übergeben, und dann mit tausend Segenswünschen und heißen Thränen von seiner Herrschaft Abschied genommen. Mutter und Tochter saßen in der freundlichen, behaglich durchwärmten Wohnstube und überblickten ihr neues Reich; Martha nicht ohne das befriedigende Gefühl, durch ihren Geschmack ein so nettes Ganze geschaffen zu haben; die Mutter immer noch traurig und still. Die Wohnung lag in einem Hinterhause; aber nur die Fenster von Küche und Speisekammer öffneten sich nach dem nicht ganz kleinen und völlig sauberen Hof; die beiden Wohnstuben boten die freundlichste Aussicht auf einen reich mit Bäumen bepflanzten, jetzt freilich unter weißer Schneedecke ruhenden Grasgarten, und dicht hinter demselben floß ein klarer Bach durch Ellerngebüsch, welches das dahinter liegende Feld zum Teil verdeckte.
„Ist es nicht ganz nett, liebe Mama?“ fragte Martha sanft.
„Es ist ja gut so“, sagte diese in einem so gleichgültigen, traurigen Tone, daß es Martha schwer wurde, die Thränen niederzukämpfen.
Freilich: Vergleiche durfte man ja nicht anstellen mit den Räumen, die noch vor so kurzer Zeit sie umfangen hatten. Die Zimmer waren niedrig, die Fensterscheiben klein; es fehlte die Fülle herrlicher Blumen und Blattpflanzen, es fehlten die weichen, dicken Teppiche am Fußboden, die schweren, sammetnen Übergardinen, die reichen Tischdecken, reizenden Statuetten und Kronleuchter; außer einigen Familienphotographieen war die Wand nur von einem einzigen Bilde geschmückt, einem guten Kupferstich der Sixtinischen Madonna, welchen Herr Feldwart seiner Frau zu ihrem letzten Geburtstage geschenkt und Onkel Konsul für sie aus dem Zusammensturz gerettet hatte; aber es war durch Johanns Aufmerksamkeit doch auch noch einiges Freundliche mit hergekommen, das wohl imstande war, die Umgebung heimisch zu machen. In seinem gewöhnlichen Messingbauer hing über Marthas Nähtisch ihr kleiner, lieber Kanarienvogel; um die Bilder ihrer Eltern schlang sich, neu aufgebunden, der selbstgezogene Epheu, und unter dem Tische lag auf seinem alten Polster Ajax, das weiße Seidenhündchen. Er schlug jetzt an, man hörte die Küchenthür gehen.
„Mama“, sagte Martha, „Thekla wird jetzt hereinkommen; möchtest du ihr nicht Bescheid sagen?“
„Ich kann nicht, thue du das, Martha!“
Thekla erschien. Es war ein hübsches, gutgewachsenes Mädchen mit lebhaften Augen und gewandten Bewegungen, und jedenfalls älter als Martha. Diese stand ihr schüchtern gegenüber. Ach, sie war sich ihrer eigenen Unzulänglichkeit nur zu sehr bewußt; ihre Fragen nach den Leistungen der Gemieteten kamen nur zögernd über ihre Lippen; die Antwort desto frischer und dreister aus Theklas Munde: „Ja, ich kann alles, reinmachen, kochen und waschen.“
Dies klang tröstlich; zuerst sollte sie einholen, was nötig war.
„Bringen Sie Brot, Butter, Suppenfleisch und irgendeinen hübschen Braten; bekommen Sie kein Geflügel, so nehmen Sie Filet!“