„Ach, da kann Ihnen gewiß meine Mutter raten; wir sind acht Kinder, da muß sie auch recht sparen, wo sie immer kann.“

Es erhob sich nun noch eine kleine Schwierigkeit. Martha meinte: nur Tauben in der Suppe — das würde ihrer Mutter doch nicht recht sein.

„Gut“, sagte Suschen, „so schneiden wir die Tauben in Viertel, machen eine Frikasseesauce darüber, und braten die Kartoffeln, da haben wir gleich noch einen besonderen Gang für unser Diner.“

Martha staunte Suschens Erfahrungen an. Es war schließlich alles wohlgeraten, und als sich die beiden Köchinnen trennten, geschah es mit einer fröhlichen Umarmung, und beide brachen zugleich in die Worte aus: „Wollen wir uns nicht lieber ‚du‘ nennen?“ Dies wurde mit einem herzlichen Kusse besiegelt, und die Freundschaft war geschlossen. Frau Feldwart war zum erstenmale befriedigt von ihrem Mittagsbrot, von dem sie heute nach des Mädchens Abgang nur wenig erwartet hatte.

Als sie ihre Mittagsruhe hielt, saß Martha still an ihrem Fenster und staunte darüber, daß sie jetzt so fröhlich und getrost war. Sie hatte den lieben Gott heute nicht um seine Hilfe gebeten, weil ihre Anliegen ihr zu klein dazu erschienen; waren ihre unausgesprochenen Seufzer doch vor seinen Thron gekommen? Ach ja! was unsere Herzen unruhig macht, das ist ihm nie zu groß oder zu klein, und wenn er seine Kinder auf sehr rauhe Pfade und durch sehr dunkle Stunden führt, thut er wie eine gute Mutter, die dem Kleinsten Süßigkeiten oder Spielwerk vorhält zu dem ersten schweren Schritte; er läßt mitten durch die dunklen Wolken einen Sonnenstrahl fallen, eine Gebetserhörung ein freundliches Erlebnis, um der Seele zu sagen: „Ich verlasse dich nicht; ich bin dennoch bei dir und halte dich an meiner Hand, wenn du mich auch nicht immer gleich finden kannst.“ An solchen Erfahrungen stärkt sich dann der Mut und das Gottvertrauen, und der Fuß lernt wieder getroste und gewisse Schritte thun. Martha hatte sich von jeher eine echte, rechte Freundin gewünscht; Suschen sah so sehr lieb und treu aus: vielleicht hatte sie in ihr gefunden, was sie suchte.

Es schien heute der Tag aller Besuche zu sein. Gegen Abend kam die Frau Direktorin selbst und bat Martha, sie bei ihrer Mutter zu melden. Frau Feldwart hatte außer Trude noch niemanden empfangen; aber sie fühlte wohl, daß sie sich nicht ablehnend oder unfreundlich gegen die Mutter verhalten durfte, nachdem die freundliche Hilfe der Tochter dankend angenommen war. Die geselligen Gewohnheiten ihres Lebens machten ihr die Sache leichter, und sie kam der Frau Werner, deren ernstes, teilnehmendes Gesicht sehr vertrauenerweckend aussah, rücksichtsvoll und artig entgegen.

„Verzeihen Sie“, sagte diese mit sanfter Stimme, „daß ich zu Ihnen komme, ohne zu wissen, ob es Ihnen jetzt schon angenehm ist, Besuche zu empfangen; ich wollte nur das Eindringen meines ungeduldigen Kindes entschuldigen und mich überzeugen, ob Ihnen die Pläne der beiden jungen Mädchen nicht lästig oder störend sind. Ich kann mir so sehr denken, wie Ruhe und Stille Ihnen jetzt vor allem wohlthun.“

„O ja“, sagte Frau Feldwart, „für mich haben Sie ja wohl recht, aber für Martha sehe ich es doch sehr gern, wenn sie junge Gesellschaft und etwas Erheiterung hat, und Ihr liebes Töchterchen kam heute in Marthas Ratlosigkeit hinein wie eine gute Fee. Ich kann Ihnen nur von Herzen dankbar sein, wenn Sie erlauben wollen, daß sie meinem armen Kinde ferner mit Rat und That beisteht; Martha ist noch so ganz unbewandert im Häuslichen, und ich“ — Frau Feldwarts Thränen waren heute einmal in Bewegung gebracht, sie flossen jetzt aufs neue — „und ich bin ja ebenso unwissend als sie.“

„Ich glaube es“, sagte Frau Werner sanft, „es ist jetzt ein sehr schwerer Übergang mit all’ dem Kummer im Herzen. Aber diese Dinge sind wirklich nicht so schwierig zu erlernen, als es scheint. Sie sollen sehen: wenn unsere beiden Kinder die Sache zusammen angreifen, haben sie schließlich noch die größte Freude davon. Würden Sie denn Ihrer Martha erlauben, manchmal ein Stündchen zu uns zu kommen? Es ist viel Leben bei uns: acht Kinder, von denen Suschen das älteste ist.“

Frau Feldwart sah etwas bedenklich aus; ihr freundlicher Besuch fuhr fort: „Ich hatte nicht daran gedacht, Ihnen die Gesellschaft Ihres Töchterchens zu entziehen; ich denke mir aber, Sie bedürfen so gut als mein Mann und ich der Mittagsruhe. Während dieser Zeit ist meine unruhige Schar im Sommer auf dem Hof oder im Grasgarten, im Winter in dem großen Hinterzimmer; sie versichern, es sei dies die fröhlichste Stunde des Tages. Da könnte Martha mit vergnügt sein.“