Die Einladung ward angenommen; Frau Werner erbot sich zu allem guten Beistande, falls derselbe gewünscht werde, und Frau Feldwart dankte ihr herzlich, bat aber, ihr noch einige Zeit den Gegenbesuch zu erlassen.
Kaum hatte Martha die gütige Nachbarin hinausbegleitet, als es abermals klingelte. Es war jetzt schon dämmerig, und Martha erschrak fast vor der großen, kraftvollen Frauengestalt, welche den Rahmen der Flurthür fast ausfüllte. Sie zündete schnell die Lampe an, und als ihr Licht das breite, von Güte und Freundlichkeit strahlende Gesicht der Eingetretenen beleuchtete, da konnte von Furcht oder Beklemmung keine Rede mehr sein.
„Ich bin die Warburgerin“, sagte die Riesin. „Die Trude schickt mich, und ich möchte hier Aufwartefrau werden. Sehen Sie, ich habe fünfe; mein Mann geht auf Arbeit in die Fabrik, und ich kann nicht mitgehen, sonst verlottert die Wirtschaft und die armen Würmer verkommen; aber so ein paar Stunden früh und nachmittags, da nimmt sich schon meine alte Nachbarin der Kinder an. Alles kann einer für sieben doch nicht schaffen.“
Die verschiedenen Eindrücke des Tages hatten Frau Feldwart doch so weit aus ihrer Müdigkeit und Niedergeschlagenheit aufgerüttelt, daß sie die Verhandlungen mit der Warburgerin selbst übernahm; man wurde bald handelseinig, und kaum war dies geschehen, so hing mit unfaßbarer Geschwindigkeit der Mantel der eben Gemieteten am Nagel; sie ergriff die Brunneneimer, fragte mit einem Blick auf den Kohlenkasten nach dem Kohlen- und Holzstall, und es war noch keine halbe Stunde vergangen, da war alles Nötige für den andern Morgen vorbereitet. Frau Warburger fragte, ob noch etwas in der Stadt zu bestellen sei, und ging dann, um Mutter und Tochter in einem so befriedigten Zustande zurückzulassen, wie es beide an diesem Morgen noch nicht für möglich gehalten hatten.
Martha sehnte sich zum erstenmale wieder nach einer stillen Beschäftigung; am liebsten hätte sie ein ernstes Lied gesungen, sie wußte aber, daß dies die Mutter jetzt noch nicht ertrug. Sie griff zu einer leichten, angefangenen Häkelei, aber ihre Hände sanken immer wieder nieder, weil ihre Gedanken so weit umherwanderten. Zum erstenmale dachte sie, daß doch wohl Gott in seiner Weisheit sie davor bewahrt habe, jetzt schon zu heiraten und ernstere und reichere Pflichten auf sich zu nehmen, und zwar wehmütig, aber gar nicht unlieblich erschien ihr die Aufgabe, während Siegfried im fernen Lande bemüht war, die Mittel zur Gründung eines häuslichen Herdes zu erwerben, sich hier allmählich ausbilden zu können zu einer tüchtigen und brauchbaren Lebensgefährtin für ihn. Süße Bilder der Zukunft umschwebten sie, aber das Bewußtsein, wie ungewiß, ja wie unwahrscheinlich ihre Verwirklichung sei, wollte ihr Herz wieder in Traurigkeit versenken.
Aber nein! sie hatte ja heute so viel zu danken, sie mußte den Kopf oben behalten. „Ich werde mir jetzt eine Arbeit suchen, die meine Gedanken voll in Anspruch nimmt“, dachte sie, „ich will Suschen zum Andenken an den heutigen Tag etwas malen.“
Als sie sich der Mutter gegenüber mit ihren Zeichengerätschaften eingerichtet hatte, holte sich diese ein Buch zum Lesen, und es war das erste Mal, daß beide gemütlich zusammensaßen in den neuen Räumen. Konnte man doch nun auch dem anderen Morgen mit größerer Ruhe entgegensehen. Die Warburgerin fand sich zum verwundern schnell zurecht. Als die notwendige Arbeit gethan war, scheuerte sie freiwillig noch die Hintertreppe, die von Thekla sehr vernachlässigt worden war. Als sie dann ihre Hände gewaschen und ihren Mantel umgethan hatte, stellte sie sich mit untergeschlagenen Armen noch einmal auf die oberste Stufe, blickte mit einer Art verklärter Zärtlichkeit auf das eben vollendete Werk und sagte: „Ne, was schöneres giebt es doch auf der Welt nicht, wie so ’ne schloh-blütenweiße Treppe!“
Martha hatte sie mit ihren Augen auf Schritt und Tritt begleitet; sie sah, daß sie eine geübte Arbeiterin vor sich hatte, und wollte von ihr lernen. „Welche verschiedenen Lose haben doch die Menschen!“ dachte sie; „es ist eigentlich hart, immer nur zu scheuern, zu fegen und zu putzen!“ Bei Frau Warburgers entzückter Anbetung der gescheuerten Treppe tröstete sie sich: „Es ist am Ende einerlei, was man thut, wenn es nur mit solcher Befriedigung lohnt!“
Zum Kochen kam wieder das Suschen und brachte eine Schüssel Spinat mit: „damit wir auch Gemüse zum Braten haben.“ Als nach Tische die Mutter in der Sofaecke saß, ging Martha zu Direktors, um ihr Versprechen zu halten. Sie wunderte sich, daß nicht ihre Freundin, sondern das Mädchen ihr die Thür öffnete, und sie durch den Korridor zu dem Hinterzimmer brachte. Hier stand sie staunend einem feierlichen, lebenden Bilde gegenüber. Suschens Geschwister waren in einem Halbkreis aufgestellt, der sechszehnjährige Bruder in der Mitte; von da ging es nach beiden Seiten abwärts; an einer Seite saß das Kleinste an der Erde. Jedes Kind hielt ein Schneeglöckchen in der Hand, Suschen stand vor ihnen mit dem Rücken nach der Thür, hielt einen Weidenzweig mit Kätzchen als Taktstock, kommandierte, eins, zwei, drei — und nun ging der Lärm los. Sie sangen:
Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen!