„Seien Sie mir, willkommen, Fräulein Feldwart; ich wollte nur hier meine junge Gesellschaft an die Schulzeit erinnern; ich denke, wir sprechen uns bald länger.“

Er hatte schon die Hefte unterm Arm, den Hut in der Hand und empfahl sich schnell.

Martha eilte zu ihrer Mutter; sie fing nun an, Licht und Luft um sich zu sehen; sie fühlte, daß sie sich bald einarbeiten werde mit der Freundin zusammen. Die Mutter war nicht mehr so teilnahmlos wie früher, und die fröhliche Kindergesellschaft drüben versprach so viel Erheiterung und Zuwachs an Interesse, wie Martha eben jetzt bedurfte und gebrauchen konnte. Nur ein großer Sorgenstein lag noch auf ihrer Seele und bedrückte dieselbe täglich mehr. Es war am 1. März, als das letzte Fünfmarkstück aus ihrem Beutelchen herauswanderte, und vor dem 1. April war an keine neue Einnahme zu denken. Sie überlegte lange: sie glaubte wohl, daß Fleischer, Bäcker und Kaufmann, die von ihr bis jetzt pünktlich bezahlt worden waren, einige Wochen gern leihen würden; aber wenn sie in diesem Vierteljahre vom nächsten schon zehrte, wie in aller Welt sollte sie da künftig auskommen? Dazu hatte sich so viel Wäsche gesammelt; es würde auch teuer sein, sie waschen zu lassen.

Die Mutter war eben erst wieder ein wenig teilnehmender geworden; sie beschloß, Frau Werner um Rat zu fragen.

Diese hörte mit der wärmsten Teilnahme Marthas Klagen an und dachte lange darüber nach: „Du mußt das doch deiner Mutter sagen, liebes Kind! Es giebt eine wahre und eine falsche Schonung. Wie willst du es anfangen, dich noch mehr einzuschränken, wenn deine Mutter keine Ahnung von euerer Lage hat? Über die Wäsche sei ruhig, das wird sich mit Hilfe der Warburgerin billig einrichten lassen; die feinen Sachen wäscht Suschen mit dir allein und lehrt dich das Stärken und Plätten! Gehe nur jetzt und sprich mit deiner Mutter ordentlich und ehrlich über euere Lage.“

Es wurde Martha recht schwer, und Frau Feldwart war sehr erschrocken; aber nach einigem Nachdenken fand sie einen Ausweg. Sie hatte einen Brillantschmuck, der ihr freies Eigentum war, für Notfälle mitgenommen; der wurde mit Hilfe der Frau Werner bei einem soliden Goldschmied verkauft und ergab immerhin so viel Einnahme, daß der nächsten, dringendsten Not damit gewehrt war. Aber Werners hatten bei dieser Gelegenheit einen tieferen Einblick in die Lage ihrer Nachbarn bekommen und dachten von dem Augenblicke ernstlich darüber nach, womöglich einige Erwerbsquellen für Martha zu finden.

Die Karte, welche dieselbe für Suschen gemalt hatte, war vollendet. Aus jeder Ecke schwebte eine Taube; alle vier hielten im Schnabel ein blaues Band, an welchem sie zwei Herzen, als kleine Personen dargestellt, eines mit einer Distel — das andere mit einem Rosenkranze, einander entgegenzogen. Dazwischen stand geschrieben:

Am 26. Februar

Da haben uns zwei Taubenpaar’

Verbunden.