„Alte Geschichten“, sagte Martha, „aber traurige.“
Und als sie zwischen den duftenden Beeten im letzten Abendschein wandelten, erzählte Martha von Siegfried alles, alles! Sie hatte es längst gern gewollt, es war ihr immer zu schwer gewesen.
Sie konnte sich nicht über Mangel an Teilnahme von Suschens Seite beklagen; aber zuletzt sagte diese: „Martha, es ist doch schlimm, daß das keiner weiß; es könnte sich mancher Hoffnungen machen.“
„Ich glaube nicht, daß dies einer thut“, sagte Martha, „aber ich will an die Möglichkeit mehr als bisher denken, und morgen stecke ich mir Urgroßmutters Trauring an.“
Am anderen Morgen kehrten Feldwarts und Suschen nach H. zurück, und Martha war völlig beruhigt, als sie ihren Vorsatz wegen des Ringes ausgeführt hatte.
„Ich glaube“, sagte sie bei sich selbst, „Trude hat in ihren überschwenglichen Wünschen für mein Wohl Gespenster gesehen; jedenfalls kann in diesen paar Tagen höchstens ein flüchtiges Interesse entstanden sein. Suschen paßt viel besser dahin als ich, und wie würde ich mich freuen, sie dort zu sehen!“
7.
Muß man denn immer im Streit sein auf Erden?.
Aber Trude hatte nicht nur Gespenster gesehen! Marthas frisches, lebendiges Wesen hatte um so mehr Eindruck auf Pastor Frank gemacht, als seine Gedanken, seitdem er in Weißfeld lebte, so vielfach auf die Urgroßmutter hingelenkt worden waren, und er nun in Marthas warmem Interesse, in ihrer Gewandtheit, ihrem Verkehr mit den Dorfbewohnern, in der Energie, mit der sie sich in schwierigen Verhältnissen zurechtfand, gleichsam das Bild verkörpert vor sich zu sehen meinte, das seine Phantasie sich von der längst entschlafenen Wohlthäterin geschaffen. Schon in der nächsten Woche machte er, angeblich, um sich nach dem Befinden der Mutter zu erkundigen, den Damen einen Besuch. Martha begegnete ihm ruhig und ernst und verschwand in der Küche, so lange dies möglich war; aber da er offenbar nicht fortging, um ihre Rückkehr zu erwarten, blieb ihr schließlich doch nichts übrig, als wieder ins Zimmer zu gehen. Sie spielte vor seinen Augen mit Urgroßmutters Trauring; er schien es nicht zu bemerken und Frau Feldwart ebenso wenig.
So oft in den schönen Sommertagen der Amtsrat die Mitglieder der englischen Stunde nach Weißfeld holen ließ, war Pastor Frank gewiß am Abend da, hatte auch stets einen besonderen Grund, sich mit Martha angelegentlich zu unterhalten. Auch Suschen redete er gern an; aber es war sehr deutlich zu bemerken, daß er sie immer noch halb als sein Schulkind betrachtete.
Martha merkte ganz gut, daß diese darüber verstimmt war, und fürchtete, es könne sich dadurch eine Scheidewand zwischen ihr und der Freundin aufbauen, zumal da dieser zarte Punkt von ihnen nicht besprochen werden konnte. Manchmal glaubte sie entschieden, sich geirrt zu haben, da sie noch niemals ein ungleiches oder aufgeregtes Wesen an Pastor Frank bemerkt hatte; aber viele zarte Aufmerksamkeiten, welche er ihr und der Mutter erwies, machten sie doch wieder ängstlich und besorgt. Es war schlimm, daß Trude damals voreilig gesprochen hatte; sie hätte sonst sicherlich unbesorgt und unbefangen alles hingenommen.