Suschen war eine Zeit lang sichtlich bedrückt; aber von Jugend auf gewöhnt, sich in den gegebenen Schranken zu halten, und so in unausgesetzter Thätigkeit lebend, daß ihr keine Zeit zum Träumen blieb, suchte sie die ungewohnte Fessel ihrer Seele abzuschütteln, indem sie sich immer neue Gegenstände der Liebe und Fürsorge für ihr teilnehmendes Herz und ihre fleißigen Hände suchte.
In dem kleinen H. war, seit Pastor Wohlgemuth da wirkte, ein warmes christliches Leben erwacht; allerlei Werke der inneren Mission waren in Angriff genommen worden, und Suschens Herz schlug bald für diese Thätigkeit, als sie aus der Fremde in die Heimat zurückgekehrt war. Da ihre Mutter sich einer großen Arbeitskraft und guten Gesundheit erfreute, erlaubte sie der Tochter gern, bei der Kinderschule zu helfen und Arme und Kranke unter dem Rat und der Leitung ihres lieben, verehrten Seelsorgers zu besuchen. Es kam Suschen zuweilen vor, als sei sie dazu besser imstande, seitdem sie selbst eine kaum verstandene Last auf der Seele trug; sie war ernster, weicher und mitleidiger geworden.
Eines Sonntags nach der Nachmittagskirche forderte Pastor Wohlgemuth die jungen Mädchen auf, noch etwas zu bleiben, und teilte ihnen dann mit, daß er den Plan habe, eine Sonntagsschule einzurichten; seine jungen Freundinnen sollten ihm dabei helfen, sie sollten die Lehrerinnen der kleinen Mädchen werden, und er versprach, sie in jeder Woche zu unterrichten und vorzubereiten auf solche Arbeit. Dieser Plan zündete ganz gleich bei Suschen und bei Martha; es war ja Marthas besondere Gabe, das Unterrichten! Und wie schön würden die Stunden sein beim lieben Pastor Wohlgemuth!
Beide Mädchen versprachen schnell und unbedenklich ihre Teilnahme und waren auf dem Heimwege voller Vorfreude und Begeisterung für die Sache. Suschen wußte, daß ihr die Eltern ihre Zustimmung gern geben würden; Martha zweifelte nicht daran, daß ihre Mutter damit zufrieden sei. Aber darin hatte sie sich geirrt.
Frau Feldwart war seit den heißen Julitagen überhaupt wieder sehr aufgeregt, schlief schlecht, verlor den Appetit, wurde bei dem kleinsten Ausgange leicht atemlos, und obwohl sie eigentlich über keinen Schmerz klagte, war doch ihre Stimmung gedrückter und reizbarer als sonst. Martha trug ihr die schönen Pläne am anderen Morgen mit jugendlicher Begeisterung vor; sie seufzte tief auf.
„Ach, Kind, noch was! Ich meine, du hast übergenug für deine Kräfte!“
„Aber Mutterchen, ich bin ja ganz frisch und gesund, und die Stunden bei Pastor Wohlgemuth werden mich so erquicken!“
„Ach, Martha, und dann sitze ich des Sonntags allein, gerade nach der Vormittagskirche, wo doch gekocht werden muß!“
„Ei, Mama, dann wärmen wir!“
„Und dann willst du jede Woche noch eine Stunde fort zu Pastor Wohlgemuth, und du weißt nicht, wie mir die Stunden lang werden, die du ohnehin geben mußt! Nein, Kind, wenn du auch nur noch etwas auf deine Mutter hältst, dann gehst du nicht hin.“