„Aber Mama, ich habe es dem Herrn Pastor schon versprochen; was soll er denken, wenn ich es jetzt absage?“
„Nun, so vernünftig ist er, daß er weiß, daß ein Kind seiner Mutter gehorchen muß!“
Ja, das glaubte freilich Martha auch, aber sie sagte es nicht. Sie eilte vorläufig noch nicht zu ihm, um abzusagen, sondern ging den ganzen Tag wie eine graue Wolke im Hause umher, war stumm und einsilbig und verbesserte dadurch die Stimmung der Mutter durchaus nicht.
Zu allem Unglück erschien am Nachmittag auch noch Pastor Frank, brachte einen reizenden Strauß aus Rosen, Nelken, Astern und Pelargonien, und überreichte denselben diesmal nicht, wie er es sonst gethan hatte, der Mutter, sondern der Tochter.
Frau Feldwart lächelte ganz wohlgefällig dazu. Martha war innerlich ärgerlich. Konnte sie ihm denn gar nicht begreiflich machen, daß sie kein Gegenstand für so zarte Aufmerksamkeiten sei?
Während Pastor Frank die Mutter begrüßte, rang sie ratlos die Hände, und da die Unruhe der Seele auf die Bewegungen einzuwirken pflegt, und wohl auch die Urgroßmutter stärker war als die Enkelin, flog der bewußte Ring ihr vom Finger und rollte durchs Zimmer, sehr in Gefahr, in einer der tiefen Ritzen zwischen den alten Dielen zu verschwinden. Ihr angstvoller Ruf: „Mein Ring, mein lieber Ring!“ veranlaßte den Gast, das Kleinod zu erhaschen. Als er es ihr zurückgab, sah er sie ernst und fragend an und sein Gesicht war bleich geworden.
Martha war jetzt nicht mehr in Zweifel über seine Gefühle und nahm sich vor, ihm womöglich bald noch einen deutlicheren Wink zu geben. Als sie ihn bis zur Korridorthür begleitete, stand er still, ohne sich zu verabschieden.
„Fräulein Martha, der Ring war Ihnen sehr lieb, nicht wahr? Es ist sehr unbescheiden, daß ich danach frage, aber wenn Sie wüßten —“
Martha ließ ihn nicht ausreden: „Ich will Ihnen gern sagen, was der Ring für mich bedeutet. Es ist zwar nur der Trauring meiner Urgroßmutter, und als solcher mir schon sehr lieb; aber ich trage ihn zum Zeichen, daß ich seit beinahe einem Jahre verlobt bin; und wenn über unserem Geschick auch jetzt noch dunkle Wolken stehen: Gott kann sie hinwegnehmen, und mein Herz ist fest, ganz fest gebunden fürs Leben.“
Sie hatte es mit zitternder Stimme gesagt, aber ihn ernst und fest dabei angesehen. Er verneigte sich.