„Ach, Martha, das ist Jugendüberschwenglichkeit; denke doch an deine arme Mutter! Was soll werden, wenn ich noch elender werde, und du deine Stunden aufgeben mußt, um mich zu pflegen? Ich weiß es: Frank nähme mich gern unter sein Dach; ich würde es gut bei ihm haben. Wenn du ihn auch nicht so feurig lieb hast, du achtest ihn doch und wirst ihn mit jedem Tage lieber gewinnen. Es giebt ja so viele Ehen, wo die Leute sich ruhig gegenüberstehen und dennoch glücklich und zufrieden sind!“

Martha hatte bleich und lautlos zugehört, aber in ihrem Innern brauste ein gewaltiger Sturm; ihr ganzes Herz, all ihr Wille bäumte sich auf, als so an ihre innersten Gefühle gerührt wurde. Sie bedachte nicht, daß die Mutter krank, schwach und unglücklich war, und es brach nun auch wie ein wettergeschwollener Waldbach die Rede von ihren Lippen — leidenschaftlich, rücksichtslos, verletzend: „Alles habe ich stille getragen, gearbeitet, geduldet, meinen Schmerz überwunden, so viel ich konnte, und dafür willst du mir nun mein einziges Kleinod nehmen? Ich soll dem einen untreu werden und den andern betrügen, wenn ich ihm meine Hand ohne mein Herz gebe! O, Mutter! Mutter! wie kannst du so grausam und ungerecht sein!“

Frau Feldwart war ganz entsetzt — Martha war noch nie so heftig und unkindlich gewesen —; sie rang die Hände und brach in Thränen aus. Martha, obwohl innerlich gewiß, daß sie diesen Wunsch der Mutter nicht erfüllen dürfe, war doch tief erschrocken darüber, daß sie sich so weit hatte fortreißen lassen, und weinte ebenfalls; es war ein recht unglücklicher Nachmittag. Sie hätte sich so gern ausgeklagt und ausgeweint; aber ihr liebes Suschen durfte ja von diesem Leid nichts erfahren. Wenn sie sich hätte überwinden können, der Mutter ihre Heftigkeit abzubitten, wäre beiden geholfen gewesen; aber dazu kamen ihr die Regungen ihrer eigenen Seele jetzt noch zu hoch und erhaben, die Wünsche der Mutter viel zu unnatürlich und grausam vor. Dennoch hatte sie das Verlangen, die Mutter wieder zufriedener zu wissen, ihr irgendetwas zuliebe zu thun, und als die Sonne schon am Sinken war, sagte sie kleinlaut: „Mama, ich möchte dem Pastor Wohlgemuth noch sagen, daß ich nicht mit unterrichten soll.“

Frau Feldwart nickte stumm, und Martha ging. Es war sonderbar: sie hatte nicht nur Pastor Wohlgemuth, sondern auch seine freundliche Frau herzlich lieb, und war sonst immer wie auf Flügeln hingeeilt; heute schien es ihr, als könne sie dem Ehepaar nicht so frei entgegentreten wie früher. Schüchtern fragte sie das Mädchen nach ihrem alten Freunde; er war im Garten, seine Frau zu ihrer Schwiegertochter gegangen. Martha kannte den freundlichen Hausgarten und suchte dort den Pfarrherrn auf. Im Mittelwege wandelte er langsam auf und nieder; ein bequemer Hausrock umschloß seine hohe, schlanke Gestalt; das würdige Haupt mit den feinen Zügen und dem spärlichen Silberhaar deckte ein Sammetmützchen; die leichten, vom Abendlicht goldig gefärbten Dampfwölkchen aus seiner langen Pfeife umschwebten es. Er schien in freundliche Gedanken versunken zu sein, wenn er sich bald rechts, bald links zu seinen Blumen niederbeugte, hier ein Pflänzchen aufrichtend und befestigend, dort den Duft einer Blüte mit Wohlgefallen einatmend. Jetzt wandte er sich und erblickte Martha.

„Ei, willkommen! Das ist ja herrlich; je später der Abend, je schöner die Gäste!“ rief er heiter. „Nun kommen Sie ’mal gleich hierher; die feurige Bandnelke ist gerade so schön angeleuchtet, und sehen Sie nur diese weiß und braune an, die hat mir mein Nachbar dort drüben im Frühling geschenkt.“

Martha beugte sich zu den Blumen; sie war aber zum Sprechen und Bewundern nicht aufgelegt, und da das bei ihrer lebendigen Teilnahme für die kleinen Liebhabereien des Pastors ganz ungewöhnlich war, wurde dieser schnell aufmerksam.

„Aber verzeihen Sie, liebe Martha, Sie sehen traurig aus; ich fragte noch gar nicht, ob ich Ihnen irgendwie dienen oder beistehen kann! Kommen Sie hier in die Laube, da sitzt es sich sehr friedlich, und sagen Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben!“

„Ach, Herr Pastor, ich hatte mich so sehr gefreut, bei den Kindergottesdiensten zu helfen, und nun will es mir die Mutter nicht erlauben.“

Martha hatte das Herz sehr voll Weh; sie brach in Thränen aus.

„Nun, nun, liebes Kind, das ist denn doch noch keine Veranlassung zu so bitteren Thränen. Ich kenne die Gründe der Mutter nicht, aber da heißt es: ‚Gehorsam ist besser denn Opfer.‘“