Martha erzählte, warum es der Mutter so schwer erschien; aber sie sprach anders, mit weit weniger Respekt und Schonung und viel erregter als sonst; und der erfahrene Seelsorger merkte bald, daß noch andere Beunruhigungen im Grunde ihrer Seele lagen.
„Mein liebes Kind“, sagte er, „es kann nicht dies allein sein, was Sie so aufregt. Können Sie mir sagen, was Ihnen sonst noch Not macht, daß ich versuchen kann, Ihnen zu helfen?“
Ach, Martha sehnte sich, sich auszusprechen und innerlich womöglich wieder klar und fest zu werden; hier, wußte sie, war alles wohl aufgehoben, und so erzählte sie: ihre Verlobung, Siegfrieds Abschied, die kleinen Aufmerksamkeiten des Pastor Frank und die schlimmen Worte der Mutter; ach, als sie derselben erwähnte, wurde sie wieder ebenso bitter und heftig wie am Nachmittage. Pastor Wohlgemuth saß stille neben ihr, schickte manchmal einen Ring aus seiner Pfeife in die klare Luft, und ließ sie völlig sich aussprechen und ausklagen. Dann setzte er die Pfeife fort, ging einige Male im Garten auf und nieder und stellte sich endlich Martha gegenüber.
„Mein liebes Kind“, sagte er, „bevor wir die Außendinge betrachten, müssen wir wohl erst inwendig Ordnung machen. Wenn Sie sich zum Kindergottesdienst bei mir gemeldet hätten, würde ich zuerst die zehn Gebote mit Ihnen durchgenommen haben, und wir wären dann sehr bald an das Gebot gekommen, das Verheißung hat; Sie wissen doch, liebe Martha, welches ich meine? Fragen Sie sich einmal selbst, ob Sie dieses Gebot heute gehalten haben.“
„Herr Pastor, Sie können nicht wollen, daß ich Siegfried untreu werden soll!“
„Das steht auf einem ganz anderen Blatte; darüber steht meine Ansicht noch gar nicht fest. Aber das werden Sie sich selbst wohl gestehen, daß Sie heute recht unkindliche Gedanken und Gefühle genährt und gehegt haben; dafür müssen Sie zuerst den lieben Gott und dann Ihre Mutter um Verzeihung bitten, eher kommt der Friede nicht wieder hinein in ihre Seele.“
Martha sah ihn traurig an: „Wenn ich thun wollte, was die Mutter will, und meinem Verlobten entsagen, würde ich dies aber als ein so schweres Unrecht empfinden, daß von Frieden gar keine Rede sein könnte.“
„Das ist möglich!“ sagte Pastor Wohlgemuth. „Aber denken Sie jetzt einmal nicht so viel an das, was Sie empfinden oder empfinden würden, sondern machen Sie sich einmal klar, was Ihre liebe Mutter dabei gedacht und empfunden hat, die Mutter, der Sie Ehrerbietung und Liebe schuldig sind, selbst wenn es Ihnen nicht möglich sein sollte, den Weg einzuschlagen, den sie wünscht. Als ich neulich allein bei ihr war, klagte sie mir, sie fühle, wie ihre Gesundheit durch alle die Schicksalsschläge gelitten habe, und daß beim Gedanken an ihren Tod die schwere Sorge ihr Herz bedrücke, wie sich Ihre Zukunft gestalten werde, wenn dann die Leibrente wegfiele und Sie genötigt sein würden, unter Fremden Ihr Brot zu suchen, ohne die genügende Vorbereitung dazu erhalten zu haben. Das Verhältnis, in welchem Sie zum jungen Kraus gestanden haben, sieht Ihre Mutter, wie es scheint, nicht mehr als bindend an, und wenn man die Sache äußerlich ansieht, hat sie ja darin recht. Nun sieht sie einen jungen, tüchtigen Mann kommen, der sich mit aufrichtigem Herzen um Sie bewirbt, der Ihnen ein bescheidenes aber sicheres Los bietet, und durch dessen Treue und Pietät sie selbst einen friedlichen Lebensabend zu erlangen hofft. Ich selbst gestehe, daß ich ähnliche Wünsche und Vermutungen schon gehegt habe und vielleicht Ihrer Mutter gegenüber unvorsichtig in meinen Äußerungen gewesen bin. Sind, so betrachtet, die Wünsche der Mutter nicht zu entschuldigen, sind sie nicht sogar gut und verständig? Meine liebe Martha, wenn man innerlich so aufgebracht und entrüstet ist, thut man immer wohl, sich im Geiste auf den Standpunkt des Gegners zu stellen und von dort aus die Sache einmal anzusehen; man wird dann jedenfalls die Andersdenkenden begreifen, selbst wenn man nicht für ihre Ansicht gewonnen wird.“
Martha seufzte: „Wenn Gott die Erfüllung des vierten Gebotes verlangt, warum läßt er dann so schwere Konflikte kommen?“
„Liebes Kind, mit dem ‚Warum‘ kommen wir unserem Herrgott gegenüber nicht weit; da heißt es immer: ‚hernachmals — hernachmals wirst du es erfahren.‘ Gerade diesem Gebote gegenüber giebt es viele und schwere Versuchungen. Die Kinder wachsen heran, gestalten sich zu selbständigen Persönlichkeiten, die dem Herrn im Himmel und der Welt gegenüber ihre eigene Verantwortlichkeit tragen müssen. Da ist denn oft der Gehorsam eine recht schwere Sache; er ist aber auch eine schöne, liebe Martha! die den Lohn in sich trägt. Die Jugend stürmt oft in dunklem Thatendrange vorwärts; das Alter steht dem entgegen mit seinen vielfachen Erfahrungen und seiner Ruhebedürftigkeit; Gott hat sie beide nebeneinander gestellt, damit eines das andere ausgleiche. Wenn die Jugend aufmerkt und annimmt, und das Alter in Milde und Gottesfurcht etwas nachgiebt, kommt die rechte harmonische Mitte heraus. Weil unser Herrgott weiß, daß dies schwer ist, hat er dem Gebot die Verheißung zugegeben, und er hält sie, er hält sie, Martha! das bestätigt die Erfahrung allezeit.“