Ein leidendes, erregtes Herz bezieht alles auf seinen besonderen Fall: „Aber Herr Pastor, ich kann keinen anderen als Siegfried nehmen!“
„Das ist möglich, liebe Martha! darüber kann in der That kein anderer als Sie selbst entscheiden. Wenn Sie aber Ihrem Verlobten die Treue halten wollen, müssen Sie sich zuvor ganz klar machen, welche Opfer diese Treue von Ihnen fordern kann. Gott kann Ihnen die Mutter nehmen, da müssen Sie vielleicht unter Fremden ein kümmerliches Brot suchen; ganz andere, viel schwerere Konflikte können über Sie kommen, als dies jetzt der Fall ist. Sie müssen es sich gefallen lassen, sehr niedrig und klein zu sein, und das wird gerade Ihrer Natur schwer werden. Sie müssen sich auch darauf gefaßt machen, nichts wieder von Ihrem Verlobten zu hören, ja, Sie können eines Tages die Nachricht bekommen, daß er glücklich verheiratet ist, und dürfen dann nicht sagen: ‚O, hätte ich anders gehandelt, so wäre ich nun statt eines verlassenen Mädchens eine glückliche Frau!‘“
„Ich habe mir das alles schon gesagt, Herr Pastor! das heißt, nicht alles, denn daß er mit einer anderen vermählt ist, werde ich nie hören, und ich bin darin ganz ruhig und fest, daß ich ihm treu bleibe, so lange ich atme!“
„Nun, so sei Gott mit Ihnen!“ sagte Pastor Wohlgemuth. „Aber nur vergessen Sie nicht, daß jetzt Ehrerbietung, Liebe, zarte Schonung gegen Ihre Mutter zur doppelten Pflicht wird. Bitten Sie gleich, sowie Sie nachhause kommen, der Mutter Ihre Heftigkeit ab; wenn Sie genötigt werden, für Ihre Überzeugung einzutreten, so thun Sie das mit kindlichen, sanften, bittenden Worten, und bitten Sie den lieben Gott dazu um seinen Segen; der weiß für aufrichtige Herzen alle Konflikte zum rechten Ende zu bringen. Mein armer, junger Amtsbruder! Ich hatte es besser mit ihm im Sinn!“
„Herr Pastor“, sagte Martha und sah ihn mit einem Blicke an, der in seiner fröhlichen Schalkhaftigkeit an frühere glückliche Zeiten erinnerte, „glauben Sie mir, er ist nur in meine Urgroßmutter verliebt! Nun gute Nacht und besten Dank! Sie sind mir doch der Stunden wegen nicht böse?“
„Wie könnte ich? Hier hat auch wohl Ihre liebe Mutter recht: Sie sind reichlich in Anspruch genommen mit Ihrer Zeit und Kraft! Gott hat nicht jedem alles befohlen, und Ihnen befiehlt er durch den Mund Ihrer Mutter, diesem Werke zu entsagen, — also bescheiden wir uns!“
Es dämmerte, als Martha ging; sie fand die Mutter am Fenster sitzend und ihrer wartend.
Martha konnte jetzt mit demütigem Herzen der Mutter nahen.
„Ach, liebe Mutter, ich bitte dich, verzeihe! Ich war sehr heftig und unartig; aber diese Sache ist mir ja so schwer!“