Die Mutter strich über ihr Haar.

„Meine arme Martha, so wirst du tragen müssen, was danach kommt!“

Der Friede war hergestellt, und er wurde am besten dadurch erhalten, daß Pastor Frank sich vorläufig im Städtchen nicht sehen ließ.

8.
Schwerer Abschied.

Ein Wort des treuen Pastors war tief in Marthas Herz gedrungen: die Mutter sorgte, was aus ihrem Kinde werden sollte, wenn sie stürbe. Martha hatte an diese Möglichkeit noch niemals gedacht; jetzt fielen ihr zum erstenmale die eingefallenen Wangen, die blauen Ringe unter den Augen der Mutter auf; jetzt erregte es ihre Besorgnis, wenn diese beim Ersteigen der Treppe nach Atem rang. Ach nein, das durfte, das konnte Gott nicht thun! Es ist diese Zuversicht, mit der fast jedes ungeschulte Herz einem schweren, drohenden Schicksalsschlag entgegentritt, mit der es immer wieder seine Hoffnung stärkt und stählt, bis endlich die Überzeugung Raum gewinnen muß: dein Hoffen ist vergeblich, du sollst nach Gottes Willen diesen schweren Weg gehen! Dann giebt es noch einen harten, sehr harten Kampf mit dem eigenen Willen, bis sich das Herz zur Ergebung und Stille durchringt, und erst, wenn dieses geschehen ist, kommt die Zeit, wo man auch an Sterbebetten schöne, ja glückliche Stunden verleben kann, wo die Pflege zu einem sehr süßen Geschäft wird, wo man, ohne den geliebten Kranken mit falschen Hoffnungen zu täuschen, ihn doch recht wohl erheitern und erfrischen kann, um ihn zuletzt gleichsam hinüberzubegleiten in die Wohnungen des ewigen Friedens. Dieser schwere, schöne Weg lag vor Martha.

Der Herbst brachte manchen Wechsel im Befinden; ein frischer, klarer Tag belebte die Hoffnungen von Mutter und Tochter, daß das Unwohlsein wohl vorübergehen könne; aber als die Tage kurz wurden und die Herbststürme ums Haus brausten, da sanken sichtlich die Kräfte, die Beängstigungen nahmen zu und kamen häufiger. Der Arzt schüttelte den Kopf: „Es ist ein Herzleiden, das sich schon sehr weit ausgebildet hat.“

Bis in den Advent hinein hatte Martha ihre Stunden und Konversationsnachmittage festhalten können; dann aber fand sie die Mutter nach jeder Abwesenheit so unglücklich und aufgeregt, daß sie sich überzeugen mußte: so geht es nicht mehr weiter. Suschen hatte versucht, ihre Stelle zu vertreten und war gern angenommen worden; aber Frau Feldwart, beängstigt durch ihr Leiden, war reizbar und eigensinnig, und verlangte sofort sehnsüchtig wieder nach Martha.

„Es hilft nichts“, sagte diese, „ich muß die Stunden jetzt aufgeben; Gott wird ja helfen, daß es geht!“

Ja, er verlangt nichts Unmögliches; es ging wirklich! Alle die Eltern, deren Töchter Martha unterrichtet hatte, fühlten herzliche Teilnahme; Stärkungsmittel, guter Wein, feine Speisen kamen von allen Seiten herbei; ab und zu sahen die hellen, freundlichen Gesichter der jungen Mädchen selbst herein.

Pastor Wohlgemuth war sehr treu in seinen Besuchen; er verstand die Kranke und sie verstand ihn; er hielt keine langen Reden: ein Schriftwort, das auf ihren Zustand paßte, ein Vers aus einem unserer schönen Trost- und Glaubenslieder, ein kurzes, warmes, herzliches Gebet — das waren die Erquickungen, welche er ihr zurückließ, und sein heiteres Gesicht, sein klares Auge, seine getroste Stimme wirkten allezeit wie eine belebende Arzenei nicht nur auf die Mutter, nein! auch auf den gesunkenen Mut ihres Kindes.