Eines Abends, nachdem Suschen die Kranke besorgt, umgebettet und erquickt hatte, klagte diese noch: „Ach, Fräulein! Mein armer Mann! heute hat er müssen eine Stunde vor Tage auf die Fabrik gehen, hat keine Zeit behalten, den Topf in die Grube zu setzen; Mittag ist er gar nicht nachhause gekommen, und nun findet er abends auch nichts Warmes! Er ist auch zu schlimm dran!“

„Könnte ich denn etwas für ihn kochen?“ fragte Suschen.

„Ach, das ist doch zu viel verlangt; aber Bier ist im Hause, gleich auf der obersten Kellerstufe, und Brot und Milch und ein Ei und Kümmel auch; ach, Fräulein, wenn Sie es thun wollten!“

Suschen bereitete die Suppe und setzte sie auf dem Ofen warm.

Pastor Frank, der sein früheres Gemeindeglied besuchen wollte, hatte ihrem liebevollen, anmutigen Thun eine Weile unbemerkt zugesehen. Als sie in den Hausflur trat, begrüßte er die junge Schülerin freundlich: „Wie freut es mich, daß Sie der Käthe so beistehen! Haben Sie ihr auch wohl etwas vorgelesen oder ernst mit ihr geredet?“

Suschen errötete ein wenig: „O nein! lesen kann die Käthe für sich, wenn ich nicht da bin, und sprechen von so ernsten Dingen — Herr Pastor, das wird mir schwer: ich kann viel besser mit meinen Händen helfen!“

Er sah ihr in die hellen Augen und schwieg; er hatte sie erst ermahnen wollen, zu lernen, was sie nicht konnte; aber wie sie so vor ihm stand mit den klaren Augen und der demütigen Haltung, vermochte er’s nicht; er dachte: „Die Gaben sind verschieden; ihre bloße Erscheinung ist eine Erquickung; und das ist gewiß: ein Kind ist sie jetzt nicht mehr!“

In mancher Beziehung war sie aber doch noch ein Kind.

In Urgroßmutters Kommode fanden sich viele Flachs- und Webe-Rechnungen; das stimmte so ganz mit dem Lobe der Spinnekunst in manchem neuen Journal, und als der Herbst kam und der Weihnachtswünsche gedacht wurde, kannte Suschen keinen größeren als: „Ach, ein Spinnrad! und einen großen Haufen Flachs!“

Frau Werner lachte darüber: „Von mir bekommst du das sicher nicht, mein Suschen!“