„Aber Mama, warum nicht?“
„Weil es für eine Spielerei zu teuer ist, und mehr als Spielerei in unserer unruhigen Zeit doch niemals wird!“
„Aber Mama!“
„Ja, liebes Kind, es ist ganz wie ich sage: An unsere Großmutter und Mütter wurden lange nicht so viel Anforderungen gestellt wie an uns; der Verkehr war ein viel langsamerer; es gab nicht so viel Stunden, Vereine und Vorlesungen; wenn sie ihr Spinnrad vor sich hatten, saßen sie tagelang hintereinander und zogen Faden auf Faden; da wurde was fertig fürs Haus. Sie konnten wohl recht hübsch dabei denken und sinnen; aber einem Kinde des 19. Jahrhunderts könnte es doch wohl etwas langweilig sein. Es würde auch ein teueres Leinen werden, mein Töchterchen; die Hände kommen eben den Maschinen doch nicht nach.“
„Wie schade!“ seufzte Suschen.
„Ja, liebes Kind, das läßt sich nun nicht ändern; wir können doch nicht Erfindungen und Industrie zurückdrehen, bis wir wieder ins adamitische Zeitalter kommen. Den Sinn des Fleißes, der Häuslichkeit, der Treue, der die Mütter bei ihrer Arbeit leitete — den sollen wir pflegen, aber ihn mit Vernunft in Einklang bringen mit den Anforderungen der neuen Zeit; es gefällt euch ja doch gar nicht übel, daß ihr jetzt mehr Anteil habt am geistigen Leben; das möchtet ihr doch gewiß nicht beseitigen!“
„Aber Rösners haben auch ihre Rädchen!“
„Ja, die treiben es eben als eine hübsche Erinnerung an die großmütterliche Thätigkeit und eine nette Spielerei. Da es bei ihnen gerade nicht viel darauf ankommt, was sie vornehmen, so ist das nicht zu tadeln, und hätte ich ein altes Rad, so solltest du es meinetwegen zu gleichem Zwecke haben. Aber es darf niemand meinen, daß damit in unserer Zeit ein wirklicher Nutzen für den Haushalt geschafft wird, und besonders in unserem giebt es der nützlichen und nötigen Arbeiten so viel, daß man sich der überflüssigen lieber enthält.“
Es war und blieb aber Suschen sehr niederschlagend. Als die beiden Mädchen in den Herbstferien bei Rösners waren, hatte Martha auf Trudens Boden das Spinnrad der Urgroßmutter gesehen, das auf die Dienerin vererbt war.
„Ich spinne nicht darauf“, hatte diese gesagt, „wenn mir die Frau Amtsrätin auch im Winter noch Flachs giebt. Weil ich eben nichts anderes mehr thun kann, so verspinne ich den auf meinem zweispuligen, das trägt mehr ein!“