Es war nicht schwer, Truden zu bewegen, das Rad an die Urenkelin abzutreten; in Weißfeld wohnte noch ein alter, geschickter Drechsler, dem ward es zur Reparatur übergeben, und wenn für Martha der Blick auf die äußere Weihnachtsfeier von irgendeinem freundlichen Strahl erhellt wurde, so war es die Aussicht, Suschen mit diesem Rade zu beglücken. Frau Amtsrätin hatte den Flachs dazu zu liefern versprochen und hielt ihr Wort.
Die Überraschung gelang aufs beste. Als die Bescherung bei Werners am heiligen Abend vorüber war, kam Hans als Knecht Ruprecht und brachte im Namen der Urgroßmutter das feingeschmückte Rädchen; der Flachs war durch Trudens geübte Hand kunstgerecht aufgelegt; ein schönes, buntes Wockenband umgab ihn. Suschen wurde ganz rot vor Freude. Sie hatte ja alle Vernunftgründe in der Rede der Mutter eingesehen; aber Vernunft treibt Herzenswünsche selten aus, und als sie nun vollends vernahm, daß es das Rad der Frau Anna Martha Waldheim war, deren Name, allen sichtbar, am Querbrett prangte, kannte der Jubel gar keine Grenzen, und es wurde ihr schwer, dem Knecht Ruprecht zu gehorchen, der ihr gesagt:
Aber von Weihnachten bis zum hohen Neujahr
Muß ruhen das Spinnrädlein ganz und gar;
Hört man es da nur einmal schwirren,
So müssen die Hexen den Wocken verwirren.
Erst wenn die hochheil’gen zwölf Nächte vorbei,
Ist das Spinnen wieder gesegnet und frei.
Die Eltern und Geschwister freuten sich mit ihr, und auch Martha, der die Erinnerung an die beiden letzten Weihnachtsfeste natürlich schwer auf der Seele lag, war dennoch glücklich über die gelungene Überraschung und konnte sich dem Glanz der Weihnachtssonne, der so besonders lieblich hineinstrahlt in einen großen Familienkreis, nicht entziehen.
Als endlich die Zeit gekommen war und Trude der gelehrigen Schülerin Handgriff und Tritt beigebracht hatte, saß Suschen stolz auf ihrem Schemel, zog Faden auf Faden, und erschien sich, als sei sie nun ganz auf den Pfaden der Urgroßmutter. Sie fing auch gleich an zu überlegen, wie viel sie weben lassen wollte, erkundigte sich, wie viel oder vielmehr wie wenig der Weber gebrauche, um ein Dutzend Handtücher fertigzustellen; als sie dann aber ihre Thaten mit seiner Forderung verglich, gestand sie sich heimlich, nur ganz heimlich, daß es ziemlich lange dauern würde, bevor das Gewünschte zusammen sei, und mußte es als ein großes Glück ansehen, daß die Familie mit dem Trocknen ihrer Hände nicht darauf zu warten brauchte. Das mußte man ja sagen: lieblich sah das Suschen aus, wenn sie hinter dem blanken Spinnrad saß; recht wie ein deutsches Mädchen mit ihrem klaren Gesichtchen und blonden Zopf. Pastor Frank, der jetzt wieder häufiger und ruhiger kam und sie eines Tages bei der neuen Arbeit überraschte, konnte sich auf dem Heimwege gar nicht losmachen von dem Bilde der Spinnerin, obgleich er halb und halb ärgerlich darüber war.