„Sie macht wirklich einen sehr lieblichen Eindruck“, dachte er; „es ist schade, daß sie so wenig aus sich herausgeht; aber vielleicht schadet es nicht so viel; wenn der Pastor spricht und die Pastorfrau praktisch hilft, sollte es wohl auch gehen!“
Der Winter ging friedlich und fleißig dahin, und nun in voller Harmonie. Die Scene während Josephinens Dasein hatte auf die beiden Freundinnen den besten Einfluß gehabt; sie bemühten sich jetzt mit aufrichtigem Herzen, gegen alle Familienglieder liebenswürdig zu sein. Daß Wilhelm nun wirklich als dritter in den Freundschaftsbund aufgenommen war, führte demselben einen großen Zuwachs an Ideen zu. Sein Herz war sehr warm für das allgemeine Wohl, sein Interesses groß für alles, was eben die Zeit bewegte: Stöckers Arbeitervereine, Bismarcks große Ideen waren Gegenstände seiner Schwärmerei; der Primaner konnte lange Reden halten, von Suschen und Martha höchlich angestaunt, obgleich sie oft noch recht jugendlich unreife Gedanken enthielten. Natürlich kam dergleichen auch am Mittags- oder Abendtische zutage, und machte die liebe Hausfrau ungeduldig.
„Jetzt krähen die Hähnchen, wenn sie eben aus dem Ei gekrochen sind“, pflegte sie zu klagen; „ich kann es manchmal gar nicht anhören, wenn sie so unreifes Zeug vorbringen; und auch die Mädchen! Wir mußten uns ganz still verhalten, wenn von solchen Dingen die Rede war!“
Der Direktor dachte anders darüber: „Natürlich müssen sie reifer werden; aber nur, was überhaupt existiert, kann wachsen und gedeihen; ich möchte keinen Sohn haben, der nicht seine Ideale in dieser Beziehung hätte, und eine Ansicht über diese Dinge müssen sich schließlich doch auch die Frauen bilden. Sie sind ja doch bescheiden erzogen, unter Fremden hören sie und schweigen. Laß du sie ja im Familienkreise sich aussprechen. Du glaubst auch nicht, wie es mich interessiert; ich bekomme dadurch ein genaues Bild von dem, was mehr oder weniger in all meinen Schülern lebt; es sind die Keime der Gedanken und Thaten einer kommenden Generation, die müssen wir Alten wohl beachten, mit unseren Erfahrungen stützen und schützen und mit unserer Liebe pflegen.“
Frau Werner staunte oft, wie es ihr Mann verstand, sich auf den Standpunkt der Jugend zu versetzen und von da aus leise Irrtümer zu berichtigen und auf unreife Ansichten einzuwirken.
„Auf manchen Gebieten“, dachte sie, „sind Männer geduldiger als Frauen, das macht, weil sie die Dinge mehr im großen und nach ihrem Zusammenhange fassen; es ist schön, das wir das von ihnen lernen können!“
Auch die Kleinen wurden jetzt von Martha zärtlich beachtet; sie bemühte sich, ihre Eigentümlichkeiten kennen zu lernen, sie zu verstehen und ihnen etwas zu sein. Sie fand dies sehr lohnend. Jedes Kind war anders geartet, eines durch Freundlichkeit, das andere durch Ernst zu gewinnen; eines nahm die Dinge zu leicht, das andere zu schwer. „So werden meine Schülerinnen später auch sein“, dachte sie und machte ein völliges Studium daraus, ein jedes nach seinem innersten Wesen zu lieben und zu behandeln. Dies gelang ihr vortrefflich und Eltern und Kinder waren innig dankbar dafür. Alle fürchteten sich vor der Zeit, wo Martha ihnen entrissen werden sollte, und doch rückte sie unaufhaltsam näher.
Im Sommer vor ihrem Examen fing ihre sonst so große Frische an zu schwinden unter den vermehrten Anstrengungen. Eine ernste Betrübnis kam dazu. Onkel Konsul, der ihr immer mitunter einmal geschrieben hatte und auf dessen treue Teilnahme sie sich allezeit verlassen konnte, war plötzlich gestorben. Seine Hinterlassenschaft kam in die Hände eines entfernt wohnenden Neffen, zu welchem Martha gar keine Beziehungen hatte, und so war das letzte Band gelöst, das sie noch an B. knüpfte, und das sie so gern festgehalten hätte, schon um Siegfrieds willen: „Wo soll er mich nun suchen, wenn er wirklich wiederkommt?“
Rösners, die Martha herzlich liebten, baten sie sich in den Sommerferien aus; sie sollte in Weißfeld frische Milch trinken, fleißig spazieren gehen und auf alle Weise gepflegt werden. Es schlug auch leidlich an; sie bewohnte Urgroßmutters Stübchen und fühlte sich ungemein wohl und geborgen darin.
Pastor Frank kam jetzt unbefangen und schien wieder heiter zu sein, versank aber manchmal in tiefe Gedanken: war ihm vielleicht auch jetzt klar, daß er sich in das Phantasiebild der Urgroßmutter verliebt hatte? O, es war ihm noch etwas anderes klar geworden, und dies versetzte Martha und Rösners in die größte Freude. Werners hatten versprochen, am nächsten Sonntag herauszukommen, und man rüstete freudig zu ihrem Empfange. Freitag war Pastor Frank zur Stadt gegangen und erst spät am Abend heimgekehrt. Sonnabend früh schickte er Martha einen Brief ihrer Freundin; sie öffnete ihn mit Spannung, fürchtete fast schon eine Absage, aber Suschen schrieb: