„Ei, aus Vergnügen und zum Andenken an die Urgroßmutter.“

Die Mutter und Frau Rösner machten dem Pastor die Sache klar.

„Also auch nur eine Phantasie!“ sagte er nachdenklich. „Nun gottlob! unsere Verlobung ist doch keine, und in Ehren halten können wir das alte Spinnrad immer, wenn du auch nicht viel darauf fertig bringst!“

Als Werners abgereist waren, faßte Frau Rösner auf den Rat ihres Hausarztes den schnellen Entschluß, mit ihrer jüngsten, etwas bleichsüchtigen Tochter Agnes noch einige Wochen nach einem kleinen Stahlbade zu gehen, und nahm Martha dahin mit.

Lieblich gelegen zwischen waldigen Bergen sprudelten die stärkenden Quellen, köstlicher Tannenduft durchwehte den frischen Grund; das Wetter war herrlich, und die beiden Mädchen erblühten wie die Rosen und waren sehr vergnügt. Das männliche Geschlecht war in dem kleinen Bade nur spärlich vertreten; meistens sah man nur Mütter und Töchter hier wandern, und die schlank aufgeschossenen, jugendlichen Gestalten mit blassen Lippen waren weitaus in der Überzahl. Unser Kleeblatt hatte kein Verlangen nach weiterem Anschluß; es fühlte sich im Genusse der Natur und gegenseitiger Gesellschaft befriedigt. Die beiden Mädchen hatten die größte Freude daran, auf den kleinen Felspartieen umherzuklettern, Spireen und lilienartige Blüten zu sammeln, die dort in reicher Fülle wuchsen, um ihr Stübchen mit den zierlichen Waldkindern zu schmücken. Dann brachte ein leichter, zuweilen etwas gewagter Sprung sie wieder auf den Weg, und Frau Rösner sah ihren anmutigen, geschickten Bewegungen mit Wohlgefallen zu, bis eines Abends, da es etwas geregnet hatte, Martha an einer glatten Steinkante abglitt und sich den Fuß so verstauchte, daß der Arzt ihr für die erste Nacht Arnika-Umschläge und für einige Tage völlige Ruhe verordnete. So kam es, daß sie am nächsten Nachmittage, als fast alle Gäste des Hauses ausgeflogen waren, einsam mit ihrer Arbeit unter der Veranda saß, während ihr kranker Fuß wohl umwickelt auf einem weichen Schemel ruhte.

Nicht weit von ihr hatten sich zwei kleine Mädchen auf der Schwelle der Veranda niedergelassen, eifrig lesend über ein Buch gebeugt, und noch etwas entfernter lag ein leichenblasses Kind von etwa zehn Jahren in einem Fahrstuhl, neben einem Tischchen, auf dem Bilder, Bücher, Spielzeug aufgehäuft waren.

Die Kleine schien sich nicht darum zu kümmern; mit einem unendlich verdrießlichen Ausdrucke auf dem elenden Gesichte blickte sie nach einer älteren Person, die wie eine Bonne oder Wärterin aussah und sich nicht weit von ihr in ein abgegriffenes Bibliothekbuch vertieft hatte.

„Sie sollen jetzt herkommen, Katharine, und mit mir spielen!“

„Ach, ich habe es heute satt; ich habe zwei Stunden mit Ihnen gespielt, und Sie wollen doch alle Viertelstunden etwas anderes.“

Das kleine Ding sah sie wütend an: „Ich sage es Mama, wenn Sie mich nicht unterhalten!“