Als der nächste Abend dämmerte, bemerkte Martha, die still und einsam in der Ecke eines Damencoupés saß, in der Ferne die Türme von M. So sehr sie des Fahrens durch die einförmige Gegend unter dem grauen Herbsthimmel müde war, fing doch ihr Herz jetzt an, sehr ängstlich zu klopfen, und sie hätte gern den Flug der Lokomotive aufgehalten. Wußte sie denn, was dort unter den Türmen ihr begegnen würde? Wußte sie, in welches Verhältnis sie treten sollte zu den ihr so wenig bekannten Menschen? Eine Ängstlichkeit, die ihr bis dahin fremd war, kam über sie; jetzt wurde gehemmt, die Lokomotive gab das Signal, der Zug hielt. Zögernd und zitternd stieg sie aus; dichtes Menschengewühl umwogte sie — und kein bekanntes Angesicht darunter!

Frau v. Märzfeld hatte ihr geschrieben, in welchen Hotelwagen sie einsteigen sollte. Als sie sich demselben näherte, trat ihr ein feiner Diener entgegen, fragte nach ihrem Namen und besorgte ihr Gepäck.

In einer breiten, aber wenig lebhaften Straße hielt der Wagen vor einem großen, eleganten Hause. Der Bediente führte sie hinein und die erleuchtete Treppe hinauf in ein sehr sauber und nett eingerichtetes Stübchen.

„Gnädige Frau lassen bitten, daß Sie es sich hier bequem machen.“

Eine Dienerin kam und brachte Kaffee und feines Weißbrot. Martha war erquickungsbedürftig und nahm etwas weniges; aber es wurde ihr schwer, das wenige zu verzehren; sie fühlte sich gar so einsam und elend.

Nach einer halben Stunde erschien der Diener aufs neue: „Gnädige Frau befehlen jetzt!“

Martha folgte ihm. Sie hatte, nachdem Frau v. Märzfeld ihr den Antrag gemacht, Fannys Lehrerin zu werden, noch einige Tage mit den Damen zusammen in dem kleinen Badeorte verlebt; aber es erschien ihr in der Erinnerung, als sei sie dadurch denselben nicht näher, sondern ferner gekommen. Zwar die zweite Tochter Lucie hatte zuweilen recht freundliche Blicke und Worte mit ihr gewechselt, und manchmal war es Martha vorgekommen, als hielte irgendein unbekanntes Etwas dieselbe zurück, sich noch näher an sie anzuschließen; die ältere Tochter aber war vom Anfang an sehr zurückhaltend gewesen, und Frau v. Märzfeld eigentlich unnahbar. So hatte es denn durchaus nicht den Anschein eines Wiedersehens zwischen Bekannten, als Martha jetzt mit beklommenem Herzen ins Empfangszimmer trat.

Die gnädige Frau saß steif und gerade in der Ecke ihres Sofas und musterte die Eintretende durch ihr Augenglas; zu beiden Seiten hatten auf Plüschsesseln Judith und Lucie Platz genommen, feine Stickereien in der Hand.

Lucie erhob sich unwillkürlich, um der Eintretenden entgegenzugehen; Frau v. Märzfeld legte ihre Hand auf den Arm ihrer Tochter: „Nicht so, mein Kind! Fräulein Feldwart wird sich zu uns setzen.“ Damit zeigte sie auf einen Sessel, und Martha fühlte sich genötigt, nach einer ebenfalls steifen Verbeugung darin Platz zu nehmen.

Nach einigen Redensarten, Marthas Reise betreffend, schien die Mama einen großen Anlauf zum Reden zu nehmen. Lucie wollte entfliehen; ein Blick ihrer Mutter zwang sie, sich wieder zu setzen, und diese begann jetzt nach einem kleinen Anfall von Verlegenheitshusten: „Fräulein Feldwart, wir haben uns in der Freiheit des Badelebens kennen gelernt; wir waren dort vollständig gleichberechtigte Personen. Sie stehen wahrscheinlich auch in der Bildung meinen Töchtern ziemlich gleich; dies hat seine wohlthuenden, aber auch seine schwierigen Seiten, und ich sehe es bei Ihrem Eintritt als meine erste Pflicht an, unsere gegenseitige Stellung ganz klarzulegen. Hätten wir unverweilt nach dem Süden gehen können, so hätte sich manches von selbst eingerichtet, oder wir hätten es nicht so genau zu nehmen brauchen. Unser Hausarzt wünscht aber, daß Fanny zuerst noch eine elektrische Kur gebrauchen soll, und ich habe hier so viel Geschäfte vorgefunden, daß wir vor dem Frühjahr schwerlich reisen können. Nun wollte ich Ihnen Folgendes sagen; nicht weil es mir Vergnügen macht, sondern weil ich es für nötig halte: Erwarten Sie als Fannys Lehrerin nicht, daß ich Sie meinen Töchtern gleichstellen und Sie zu unseren Zirkeln und unserer Geselligkeit heranziehen soll; dies paßt sich nicht. Sie werden stets die Stellung einer Untergebenen haben, und ich sage Ihnen das gleich, um Sie vor Täuschung zu bewahren. An unseren Mittags- und Abendmahlzeiten würde ich Sie gern teilnehmen lassen, wenn nicht Fanny durch ihre Schwäche genötigt wäre, im Kinderzimmer zu speisen; ich wünsche, daß Sie dies mit ihr gemeinsam thun und überhaupt das Kind so wenig als immer möglich verlassen. Was ihren Unterricht betrifft, so müssen Sie sehen, wo Sie anknüpfen und wie Sie durchkommen können; es versteht sich, daß das kranke Kind nicht angestrengt werden darf; aber so unwissend, wie sie jetzt ist, darf sie nicht bleiben.“