Martha hörte still zu; die Farbe auf ihrem Gesichte wechselte einigemal; sie bezwang sich aber, und die Ruhe und Bestimmtheit der Prinzipalin gab ihr den Mut, ebenso ruhig zu bitten, daß man ihr gestatten möge, vorausgesetzt, daß Fanny nicht kränker sei, sonntäglich einmal zur Kirche und täglich eine Stunde spazieren zu gehen, was der Arzt ihr zur Pflicht gemacht habe.

Es wurde ihr bedingungsweise gewährt: „Wenn es gutes Wetter ist, wird Fanny jeden Tag ausgefahren; dann wünsche ich, daß Sie in ihrer Begleitung gehen. Jetzt wird Lucie Sie hinauf zu Fanny bringen; ich habe diese Unterredung in Gegenwart meiner Töchter geführt, damit sie meinen Willen wissen; meine zweite Tochter hat große Neigung, sich über die nötigen Formen hinwegzusetzen.“

Martha verbeugte sich und folgte ihrer Führerin die Treppe hinauf in einem sonderbaren Zustande: nicht aufgebracht, nicht entrüstet, aber wie mit Wasser begossen und kühl bis ans Herz hinan.

Vor Fannys Thür wandte sich Lucie um: „Wir können uns doch lieb haben, Fräulein Martha, ganz gewiß!“ sagte sie, und Martha glaubte Thränen in ihren Augen zu sehen. Sie war etwas verwundert über dies schnelle Entgegenkommen, es machte sie beinahe verlegen.

„Ja, Fräulein Lucie, aber wir müssen durchaus die Grenzen dabei festhalten, die Ihre Frau Mutter uns gesteckt hat; ich würde sonst ihr gegenüber in eine schiefe und unhaltbare Stellung kommen.“

„Ach, und lieben Sie Fanny ein wenig; sie ist so unglücklich durch ihre Kränklichkeit!“

„Gewiß will ich das!“ sagte Martha warm und trat über die Schwelle einer einfachen aber freundlichen Stube, hinter deren breitem Fenster, dessen Gardinen jetzt zugezogen waren, Fanny, von einer Hängelampe beleuchtet, in ihrem Rollstuhle lag.

„Nun, guten Tag, liebe Fanny! Siehst du, hier bin ich; nun sage mir, wie es dir ergangen ist, seitdem wir uns zuletzt gesehen haben!“

„Schlecht“, sagte sie, aber sie reichte Martha die Hand.

„Wie so, schlecht? Hattest du vermehrte Schmerzen?“