O Jesu, meine Freude,

und nimm dein Küchlein ein.

Will Satan mich verschlingen,

So laß die Englein singen:

Dies Kind soll unverletzet sein!

Fanny sah sie anfangs verwundert an, dann legte es sich wie Frieden über ihre unruhigen Züge.

„Ja“, sagte sie beim Schluß, „jetzt will ich schlafen; ich sehe sie hinauf- und heruntersteigen, und sie singen schon.“

Martha ging nun in ihr Stübchen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Es war ihr noch nicht klar, wie es hier weiter gehen würde; sie sah manches Schwierigkeit, manche Demütigung für ihre stolze Natur auf ihrem Wege liegen; aber sie empfand es als ein großes Glück, daß Fanny sichtlich ihr vertraute; und des Kindes Herz mehr und mehr zu gewinnen, ihr hartes Los zu erleichtern, ihr eine Freundin zu werden, das war eine Aufgabe, die wohl geeignet war, sie mit ihrer Lage auszusöhnen, und als sie endlich ermüdet ihr Lager suchte, war ihre Zuversicht so stark, daß Gottes Schutz und Obhut über ihrem Haupte sei, daß sie mit dem Kinde hätte sagen mögen: „Ich höre es, die Engel singen schon!“

Am anderen Morgen brachte denn nun freilich das neue Tagewerk Schwierigkeiten genug. Zuerst wurde sie von ihrer Morgenandacht aufgeschreckt durch Fannys Jammergeschrei, die sich vom Mädchen ankleiden lassen sollte. Sie schien große Schmerzen dabei zu haben, und Martha eilte hinüber, um zu sehen, ob sie ihr nicht eine Erleichterung gewähren könne. Sie versuchte dem Mädchen Anleitung zu geben, die schmerzenden Glieder nach Möglichkeit zu schonen; diese gab sich auch die erdenklichste Mühe, aber vergebens; Fanny schrie weiter. Sobald Martha Hand anlegte, beruhigte sie sich sofort, und obwohl es unschwer zu durchschauen war, daß neben den Schmerzen ein nicht geringes Maß von Eigensinn der Grund des Jammers sei, blieb doch für Martha keine Wahl: sie schickte das Mädchen fort und suchte allein fertig zu werden. „Heute muß ich den Eigensinn ignorieren“, dachte sie; „bleibt es so, dann muß er natürlich bekämpft werden; aber wie?“

Sie war jetzt erst 21 Jahre alt. So wechselvoll und zum Teil so schwer ihr Leben bis dahin gewesen war, so hatte sie doch bis gestern stets unter der liebevollsten Obhut gestanden; jetzt sollte sie auf eigenen Füßen stehen unter recht schwierigen Verhältnissen. Hätte Frau v. Märzfeld sie an sich herangezogen, hätte sie ihr mit Rat und That beigestanden, so wäre ihre Aufgabe leichter zu lösen gewesen; wie die Sachen jetzt lagen, konnte sie sich nur auf Gottes Hilfe verlassen.