Zunächst kam es nun für Martha darauf an, zu ergründen, wie weit Fanny auf den verschiedenen Gebieten des Wissens gekommen war; sie machte natürlich sehr unbefriedigende Entdeckungen. Lesen konnte sie, schreiben wegen ihrer schmerzenden Glieder nur sehr mangelhaft. Das Rechnen schien ihr ganz fremd und obendrein sehr zuwider zu sein; auch vor der Geographie mit ihren vielen Namen und Zahlen empfand sie große Scheu, und sowohl aus der weltlichen als biblischen Geschichte hatte sie nur einzelne Episoden behalten, welche das Gefühl und die Phantasie in besonderer Weise in Anspruch nahmen. Diese faßte sie, wie neulich die Geschichte von der Jakobsleiter, mit großer Lebendigkeit und Innigkeit auf; aber alles, was sich nur an den Verstand wendete und eigentliche Arbeit und Anstrengung erforderte, wies sie beharrlich zurück. Wäre ihr Leiden von der Art gewesen, daß man ein frühes Ende hätte befürchten müssen, so würde Martha gedacht haben: „Fliege du, fliege du bis in den Himmel hinein!“ denn Martha flog selbst gern. Aber abgesehen davon, daß ihr eigenes Herz nur schwer den Gedanken hätte fassen können, die junge Blüte unrettbar dahinwelken zu sehen, sprach auch der Arzt die sichere Hoffnung aus, sie werde das Leiden in einigen Jahren überwinden. „Dann“, sagte Martha, „darf sie nicht nur fliegen, dann muß sie auch gehen lernen“, und sie versuchte auf jede mögliche Weise, sie nach und nach an eine geregelte Thätigkeit zu gewöhnen. Methodisch, wie sie es gelernt und wie es in vollen Schulklassen meist so trefflich fördert, durfte sie hier nicht vorgehen. Hatte sie Fanny mit unsagbarer Mühe dahin gebracht, aufmerksam zuzuhören und vier bis sechs Fragen zu beantworten, so erklärte dieselbe dann aufs bestimmteste: „Ich kann nicht mehr, mein Kopf thut mir weh“, und war weder mit Güte noch mit Ernst auch nur einen Schritt weiterzubringen.
Martha mußte förmlich auf neue Wege studieren. Sie fing an, Fanny im Gespräch für einen Gegenstand zu interessieren und suchte auf diese Weise die Begierde in ihr zu wecken, mehr von demselben zu erfahren. Sie benutzte ihre Ausgänge, um in den Buchhandlungen nach Reise- oder Lebensbeschreibungen zu suchen, welche für das kindliche Alter geeignet waren, aber auch hier ermüdete die schwache und verwöhnte Schülerin schnell. Martha fand bald, daß es besser ging, wenn sie sich über ein Land, ein Volk, eine Episode aus der Geschichte so viel als möglich Kenntnisse aneignete oder vergegenwärtigte und dieselben ihrer Schülerin dann frei und in möglichst angenehmer Form vortrug. Es war nicht zu leugnen, daß die junge Lehrerin auf diese Weise eine höhere Stufe erstieg; es kostete aber viel Zeit und Kraft, und inbezug auf Fannys eigene Anstrengungen war wenig gewonnen. Oft dachte Martha: „Wenn man doch nur die Grenze genau sehen könnte, wo das ‚Ich kann nicht!‘ in das ‚Ich will nicht!‘ übergeht!“ Der treue Hausarzt selbst war in dieser Beziehung unsicher; es ist schon bei erwachsenen Nervenkranken nicht leicht, die Grenze zu finden, wo man ihnen nachgeben und wo man ihnen widerstehen oder sie zu kräftigen und zu stärken suchen muß. Martha kam darin zu keiner rechten Klarheit; daß sie selbst jung, gesund und lebhaft war, riß die Kleine mitunter zu Anstrengungen fort, die ihr wohl bekamen, aber eine gründlichere Hilfe kam zuletzt auf eine andere Weise.
Fanny hatte für religiöse Eindrücke, wie schon gesagt, ein empfängliches Gemüt; aber als ihre Lehrerin in der Religionsstunde den gewöhnlichen Weg einschlagen wollte, zuerst die zehn Gebote mit allen Erklärungen durchzunehmen, stieß sie wieder auf entschiedenen Widerstand: „Das kann ich nicht! das ist zu schwer!“ Die nahe Adventszeit richtete von selbst den Blick auf das Kommen des Heilandes; Martha nahm in den Frühstunden alle Verheißungen auf Christi Erscheinung, seine Geburt, sein Leben, seine Wunder, sein Leiden, Sterben und Auferstehen durch; und hier war nichts, was Fanny nicht mit ganzem Herzen erfaßt hätte; von hier aus war es leicht, Licht auf alle bis dahin dunklen Gebiete fallen zu lassen; eine neue Welt ging für Fanny auf, eine Welt der Liebe und des Friedens, die ihr bisher verborgen geblieben war, die ihr liebliches Licht hineinsandte in ihr Leiden und in ihr Herz und alle Bitterkeit daraus vertrieb. Mit ihrer Liebe zu dem Quell aller Liebe wuchs auch ihre Liebe für Martha, die ihr das neue Leben erschlossen hatte, und an die Stelle des bisherigen Widerstrebens trat das Verlangen, in allen Stücken zu thun, was diese wünschte, und obgleich leibliche Schwäche und große Verwöhnung ihr dies schwer machten, war es doch deutlich zu sehen, daß sie allmählich etwas vorwärts kam. Martha freute sich innig, daß ihre Thätigkeit sichtlich mit Erfolg gekrönt wurde; aber dieselbe forderte ein Aufbieten all ihrer Kräfte, und sie sehnte sich oft nach einer Ausspannung und Erquickung für ihr eigenes Herz.
Die beiden älteren Töchter des Hauses fingen je mehr und mehr an, ihr Interesse zu erregen. Lucie war stets anmutig und freundlich, wenn sie ins Krankenzimmer kam; ja sie hatte anfangs ganz herzliche Anwandlungen! aber wenn ihr Martha mit sanfter Bitte entgegentrat, so oft sie das Schwesterchen mit Leckereien überschütten wollte, wurde sie verstimmt und verstimmte Fanny mit. Erst als einmal der Hausarzt sich ganz streng gegen solche Diät ausgesprochen hatte, unterblieben die Versuche dazu, und Martha wußte, daß sein Verbot durch Judith veranlaßt war, die ihre Sorge teilte. Judith behielt ihr ernstes, zurückhaltendes Wesen, sowohl dem Schwesterchen als Martha gegenüber, lange Zeit unverändert bei; aber wenn Martha es wagte, ihr Vorschläge zu machen, wie Fannys Lage in Wahrheit zu erleichtern sei, war dies nie vergebens; Judith dachte darüber nach und suchte zustande zu bringen, was Martha wünschte.
Der Gärtner hatte bis jetzt jede Woche andere blühende Gewächse gebracht und die abgeblühten mit zurückgenommen, und Martha hatte mit Betrübnis gesehen, daß Fanny von ihrem reizenden Blumenfenster nur sehr wenig Freude hatte. Judith war eine große Blumenliebhaberin und betrübte sich über Fannys Gleichgültigleit ebenfalls. Als sie dies eines Morgens aussprach, sagte Martha: „Ich glaube, Fräulein Judith, Fanny würde viel größere Freude haben, wenn sie die Pflanzen pflegen und gedeihen sehen könnte und wenn sie selbst etwas zur Blüte brächte!“ Gleich am anderen Morgen erschien Judith in Gesellschaft eines Gärtnerburschen und brachte die verschiedensten jungen Pflänzchen mit; sie hatte sich beim Gärtner sehr sorgsam erkundigt, wie jedes zu behandeln sei, und weihte das Schwesterchen in das Geheimnis ein, indem sie ihr anschaulich schilderte, wie die Blüte und die weitere Entwickelung sein werde. Nun gab es jeden Morgen eine halbe Stunde der Thätigkeit und gespannten Aufmerksamkeit; die Pflänzchen wuchsen natürlich dem ungeduldigen Kinde lange nicht schnell genug; aber jedes neu hervorsprießende Blatt, jede Knospe und aufbrechende Blüte erregte Jubel.
Martha sah Lucie fast nur in Gegenwart ihrer Mutter, und wenn sie heruntergeholt wurde, den Gesang der Schwestern zu begleiten; Frau v. Märzfeld wußte sie dann aber unter irgendeinem Vorwande sofort wieder zu entfernen. Auf Fannys Bitte hatte Martha dieser das Mozartsche „Veilchen“ und einige von den reizenden Taubertschen Kinderliedern vorgesungen, als Frau v. Märzfeld in das Zimmer trat.
„Ich wußte nicht, daß Sie singen!“ sagte sie.
„Ich sprach nicht davon, weil ich nur ein einziges Jahr Stunden hatte und abbrechen mußte, bevor der Unterricht irgendwie beendet war.“
„Ich höre wenigstens, daß Sie sicher sind, und Sie sollen uns heute Abend aus einer großen Verlegenheit helfen. Judith ist leider heiser geworden; wir hatten für sie auf ein Duett und die erste Stimme eines Quartetts gerechnet; ich bitte, daß Sie ihre Stelle vertreten.“
„Das thue ich gern“, sagte Martha; „nur möchte ich beides noch einmal durchsingen, und dann“ — setzte sie fast verlegen hinzu — „habe ich kaum ein Kleid, in solcher Gesellschaft zu erscheinen.“