„Das wird niemand von Ihnen verlangen, indem Sie ja nicht als Glied der Gesellschaft kommen, sondern als die Lehrerin meines Kindes, die uns eine Gefälligkeit erweist.“

Martha fühlte wieder den Sturz kalten Wassers, aber sie beherrschte sich. Sie hatte mit Lucie das Lied zu singen: „O, säh’ ich auf der Heide dort im Sturme dich etc.“ Beide durften es bei Fanny probieren und diese war entzückt davon: „Ich möchte sehen, wie sich alle über euch freuen.“

Erst als sie gerufen wurde, und zwar sehr sauber, aber sehr einfach gekleidet, trat Martha in die Gesellschaft ein. Frau v. Märzfeld stellte sie vor: „Die Gouvernante meiner Fanny!“ Ihr wurde niemand vorgestellt. Ein junger Mann saß am Flügel, bereit, sie zu begleiten. Die ersten Töne, welche Martha sang, zitterten ein wenig; aber dann riß die Musik sie mit sich fort, und ihre weiche, biegsame Stimme entfaltete all’ ihre Fülle und Macht. Beifall erklang von allen Seiten, und als auch das Quartett zur höchsten Zufriedenheit beendet war, trat ein vornehm aussehender junger Herr zu Martha und fragte: „Wo hatten Sie Singstunde, mein Fräulein?“

„In B., aber nur kurze Zeit.“

„Man merkt das nicht; Sie singen allerdings mit mehr Freiheit, als eine junge Dame, die sich noch mitten im Lernen befindet, aber durchaus nicht, als wären Sie mit der Schule nicht fertig geworden.“

Der Herr schien einiges von der Musik zu verstehen; sie kamen auf ihre Lieblingskomponisten, und da er ernst und gehaltvoll sprach, antwortete ihm Martha gern und freute sich der lebhaften Unterhaltung.

Frau v. Märzfeld rauschte heran: „Graf T., vielleicht helfen Sie mir etwas, die Plätze zu arrangieren. Fräulein Feldwart, Ihre Schülerin wird nach Ihnen verlangen.“

Martha verneigte sich und ging; es wurde ihr aber heute Abend schwer, sich mit Fanny zu unterhalten; immer wieder trat der wenig angenehme Auftritt vor ihr inneres Auge; sie schämte sich so sehr, daß sie nach dem Gesange auch nur eine Minute unten geblieben war. Sie ertappte sich einigemal dabei, daß eine Thräne auf ihre Arbeit fiel, und doch mußte sie sich eingestehen, daß ihr eigentlich nichts Schlimmes widerfahren sei — sie war ja die Gouvernante; Frau v. Märzfeld hatte das Recht, zu wünschen, daß sie bei ihrem Kinde bleibe. Sie hatte sich auch vollkommen davon überzeugt, daß dieser nichts ferner lag, als sie kränken zu wollen, denn sie war zu anderen Zeiten aufrichtig dankbar für Marthas Bemühungen um das Wohl ihres Kindes. Sie hielt es offenbar für ihre heilige gesellschaftliche Pflicht, die Lehrerin auf der Stufe zu erhalten, die sie für angemessen hielt; aber fast nichts war dieser so schwer geworden, als dies ruhige, geflissentliche Hinausgetrieben-werden aus der Stellung, welche sie bisher im Leben eingenommen hatte. Sie mußte hart kämpfen, dies zu überwinden; es wurde ihr nicht erleichtert durch Luciens Entrüstung darüber und sie dachte lebhaft an Pastor Wohlgemuths Worte: „Sie werden klein und niedrig sein müssen, und das wird gerade für Ihre Natur sehr schwer sein!“ „Darum schickt es mir der liebe Gott“, dachte sie; „ich will es aus seiner Hand nehmen und desto mehr für Fanny sein, die es mir sichtlich dankt.“

Frau v. Märzfeld liebte ihr kleines Mädchen wirklich und sorgte für dasselbe, so viel es möglich war, ohne in dem gestört zu werden, was sie als ihre Lebensaufgabe ansah, nämlich ihrer geselligen Stellung zu genügen und für ihre erwachsenen Töchter gute Partieen zustande zu bringen. Keine Ausgabe war ihr zu groß, wenn Martha Vorschläge machte, Fannys Lage zu verbessern und ihr Dasein auszuschmücken. Sie erkannte auch Marthas Thätigkeit und ihre Erfolge völlig an und sprach dies sogar zuweilen recht freundlich aus; nur die Kluft zu überbrücken, die nach ihrer Meinung zwischen ihrer Familie und Martha bestand, das fiel ihr niemals ein.

Eines Tages, als Margaretchen im Nebenzimmer nähte, kam diese auf eine arme Familie zu sprechen, die den Vater plötzlich verloren hatte und nun in der größten Not war. Fannys weiches Herz war gerührt; sie hätte gern ihre reich ausgestattete Sparbüchse bis zum letzten Heller den Armen gegeben. Martha machte ihr begreiflich, daß es nicht richtig und schön sei, unüberlegt zu verfahren; sie versprach, sich morgen früh selbst nach den dringendsten Bedürfnissen der Leute zu erkundigen. „Und dann“, sagte sie, „müssen wir rechnen, ordentlich rechnen; denn wir müssen etwas behalten für die Geburtstage von Mutter und Schwestern, für die Missionskasse, für das Rettungshaus u. s. w.“ Und Fanny rechnete; sie rechnete hier, wo sie einen Zweck vor Augen hatte, mit Vergnügen, und Martha schöpfte Hoffnung, sie auch in dieser ihr bisher sehr widerwärtigen Kunst nach und nach weiter zu bringen. Da ihre kranken Fingerchen nicht imstande waren, Strümpfe für die verwaisten Kinder zu stricken, lernte sie wenigstens das leichtere Häkeln, um die Knaben mit Shawls zu versorgen.