So verging der Winter unter vielerlei Anstrengungen, aber nicht fruchtlos und nicht freudenlos. Die angefangene Kur hatte die kleine Patientin so gekräftigt, daß sie nicht mehr gehoben und getragen werden mußte, sondern sich einige Schritte weit selbständig fortbewegen konnte. Die Tage wurden, sonnig, die Wege trocken; Fanny ward vom Diener jeden Tag ausgefahren, und Martha ging dann neben ihr, um sie aufmerksam zu machen auf Blumen, Bäume, Menschen, schöne Gegenstände in den Schaufenstern, und all’ die tausend Fragen zu beantworten, welche das Kind, angeregt durch so viel neue Eindrücke, an sie stellte. Sie that dies sehr gern, aber sie fühlte doch, daß ihr auf diese Weise die einzige Zeit zum Ausruhen, zur stillen Sammlung und zum Nachdenken über ihren nicht leichten Beruf genommen wurde. Der März befreite sie von diesen Wegen, aber nicht zu ihrer Freude. Fanny bekam den Husten, und dieser wollte keiner Arzenei oder sonstigen Verordnung des Arztes weichen; sie war wiederum aufs Zimmer angewiesen und war jetzt, an mehr Abwechselung gewöhnt, ein eigensinniger Patient. Am ersten April ging das Hausmädchen ab, um sich zu verheiraten, und Fanny war so unglücklich bei dem Gedanken, sich einer anderen Hand anzuvertrauen, daß Martha versprach, sie fortan allein zu pflegen. Das Glück des Kindes war ein großer Lohn; aber die Nerven, selbst Marthas kräftige Nerven ließen sich solche Überanstrengung nicht gutwillig gefallen; sie war zum erstenmal im Leben matt und reizbar, mußte gegen trübe Gedanken kämpfen und sehnte sich herzlich nach der versprochenen Übersiedelung nach dem Süden. Sie gehörte nicht zu denen, die viel über ihr leibliches Befinden zu grübeln pflegen und sich selbst große Wichtigkeit beilegen; aber sie empfand es mehr, als sie es sich eingestand, wie schwer es war, daß keiner mehr mit zarter, liebevoller Fürsorge sie beobachtete und ihr zu helfen suchte, wenn sich in ihren Gesichtszügen Abspannung, Müdigkeit, Kränklichkeit abmalte. Es wird den Eheleuten am Altar gesagt, daß ihr Stand „nicht ohne Kreuz“ ist; ach, ebenso gewiß und fast gewisser kann man vom Stand einer jungen Lehrerin sagen, daß er „Dornen in die Menge und manches Kreuz trägt“. Ist der innere Beruf und die volle Fähigkeit dafür vorhanden, dann werden solche Leidensstunden und Schwierigkeiten überwunden; hat nur Verlangen nach Freiheit und Selbständigkeit auf diese Bahn gedrängt, so entstehen daraus schwere Kämpfe, denen oftmals Leib und Seele unterliegen.
Gegen Ostern kam der Hausarzt, um die Sommerkur mit Frau v. Märzfeld zu besprechen; seine Entscheidung lautete: „O, Sie brauchen gar nicht so sehr weit fortzugehen; gehen Sie Mitte Mai mit dem Kinde zur Molkenkur nach Heyden an den Bodensee, und ist dann etwa nach sechs Wochen der Husten ganz fort, so bringen Sie Fanny nach Ragatz oder noch lieber nach Pfäffers in der Taminaschlucht; da wird sie wahrscheinlich bald erstarken und beweglich werden.“
Martha schwärmte für schöne Natur; sie wäre gern noch tiefer hineingekommen in die Wunderwelt der Schweiz; dennoch sah sie der Reise mit Spannung und großen Erwartungen entgegen. Sobald der Mai erschienen war, brach man auf. Frau v. Märzfeld hatte ein ganzes Coupé genommen, um es Fanny bequem zu machen. Am ersten Tage fuhr man bis Frankfurt am Main bei rieselndem Regen; die Leidende klagte viel über Schmerzen; Martha bemühte sich, ihre Gedanken davon abzuziehen, indem sie ihr von den Orten, an welchen sie vorüberfuhren, mancherlei erzählte. Aber so leise dies geschah, störte es doch Lucie in ihrer Reiselektüre, und sie äußerte dies sehr vernehmlich durch verwunderte Blicke und ungeduldige Bewegungen; Judith versuchte anfangs Martha beizustehen, aber das eintönige Grau rings umher, das Anschlagen der Tropfen an die Fenster ermüdete sie, und sie schlief bald fest in der einen Ecke, während in der anderen die Mutter ihre Stirn unaufhörlich mit wohlriechendem Wasser wusch. In Frankfurt hatte man versäumt, sich Wohnung zu bestellen, Westendhall war besetzt; man mußte noch am späten Abend von einem Gasthaus zum anderen fahren, bis man endlich gegen Mitternacht ein wenig befriedigendes Unterkommen fand.
Am anderen Morgen ward es heller. Judith und Lucie baten die Mutter, sich einige Stunden in Heidelberg aufzuhalten und dann in Ulm Nachtquartier zu nehmen; aber Frau v. Märzfeld wollte lieber Friedrichshafen erreichen. Alle jungen Köpfe bemühten sich, möglichst viel aus dem Fenster zu sehen, als der Zug in Heidelberg hielt. Scharen von Studenten mit ihren großen Hunden konnte man bewundern, wenn man wollte; aber von der schönen Lage und Umgebung des berühmten Ortes war vom Coupé aus wenig zu bemerken. Der Tag wurde schwül, die Glieder schmerzten von der langen Fahrt; die ganze Gesellschaft hatte nur noch wenig Kraft, die Umgebungen zu betrachten: Fanny weinte, Lucie stieß ungeduldige Ausrufe aus, Judith seufzte und Frau v. Märzfeld lag abgespannt in ihrer Ecke. Wie eine Himmelsbotschaft klang endlich spät am Abend die Stimme des Schaffners: „Friedrichshafen, aussteigen!“ Sie waren bald in dem geräumigen, sauberen Gasthofe untergebracht, und Fanny streckte sich recht mit Wohlbehagen in ihrem Bette aus, als Martha ihr sagte: „Morgen fahren wir nur noch mit dem Dampfschiff über den See, da sehen wir den Säntis und die Appenzeller Berge alle vor uns, dann geht es eine kleine Stunde mit der Zahnradbahn den Berg hinauf nach Heyden.“ Martha wachte noch lange und seufzte: „Ach; wenn nur morgen, nur morgen schönes Wetter ist!“
Sie lauschte; lauschte: es klang wie ein leises Rauschen; war das der See? Mit dem ersten Tageslichte erhob sie sich und zog leise die Gardine vom Fenster. Grauer Nebel wogte draußen, die Fenster gingen nach einem Rasenplatze, vom See war nichts zu sehen. „Es muß noch sehr früh sein“, dachte sie, legte sich wieder nieder und schlief ermüdet ein. Als das Hausmädchen, wie es versprochen, um 6 Uhr anklopfte, war das Wetter noch ebenso. Martha war sehr betrübt darüber: sie hätte so gern den Säntis gesehen. Fanny freute sich auf das Dampfschiff; sie war ruhiger.
Als man nach einer Stunde aufs Schiff kam, hatte der Regen, der sich die ganze Nacht über ergossen, nachgelassen, und der See wurde nach und nach nebelfrei; seine Wellen kräuselten sich im frischen Morgenwinde. An der östlichen Ecke des weiten Wasserbeckens tauchte Bregenz auf, aber die Vorarlberge, an deren Fuße es liegt, waren noch verhüllt, und vom Schweizer Ufer konnte man nur dämmernde Umrisse erkennen. Erst als man sich Rorschach näherte, zerriß die Wolkenhülle, aber nun war man den Bergen zu nahe, um mehr als die Vorhügel zu überblicken. Das weite, jetzt blaue Wasserbecken übte dennoch einen großen Reiz aus, und besonders Fanny war glücklich, mitten auf dem Verdeck in ihrem Rollstuhl ruhend, so sanft hinüberzugleiten ans andere Ufer. Der Weg nach Heyden hinauf war lieblich und kurz. Wie blau erschien der See bei dem Dorfe Wynachten! In Heyden war ihnen durch den dortigen Arzt Wohnung bestellt, eine der älteren Pensionen nahm unsere Reisenden auf. Martha teilte ihr Zimmer mit Fanny; es hatte die lieblichste Aussicht von der Welt. Dicht unter dem Fenster begannen die grünen Matten, die in der schönsten Frühlingsüppigkeit standen, hin und wieder von bewaldeten Hügeln, Gesträuch und Obstbäumen unterbrochen, aus deren Mitte die hellen Wände niedlicher Häuser hervorglänzten; tief unten und doch so nahe erscheinend, als könne man ihn mit wenigen Schritten erreichen, lag wie ein aufgeschlagenes, schimmerndes, blaues Auge der See, an seinem gegenüberliegenden Ufer Lindau und Friedrichshafen, so deutlich, daß man jedes Fenster unterscheiden konnte; rechts die Vorarlberge und Bregenz, links schweifte der Blick übers Württemberger Land. Die beiden Mädchen konnten sich nicht satt sehen; sie öffneten das Fenster und sogen die unbeschreiblich milde Luft mit Wohlbehagen ein. Sie sollten heute noch auf ihrem Zimmer speisen; zum Vesperbrot wollte dann Fanny versuchen, die wenigen Schritte bis zum Speisesaal zu gehen.
Ein freundliches, älteres Mädchen in einfacher Kleidung brachte gute Suppe, Rindfleisch mit einem Gemüse von getrockneten Äpfeln und gerösteter Semmel, und Braten, den sie im ersten Augenblicke seiner hohen Fettkruste wegen für Schweinebraten hielten, der sich aber dann als der Rücken eines gut gemästeten Kalbes auswies. Es schmeckte den beiden Gereisten trefflich, und selbst die Zusammenstellung von Rindfleisch und Äpfeln, die ihnen neu war, fanden sie ganz schmackhaft, als sie davon gekostet.
Während Frau v. Märzfeld schlief, erschienen Judith und Lucie.
„Nun, das muß man sagen“, rief die erstere entrüstet, „in eine feine Pension hat uns der Doktor K. gebracht! Nicht ’mal ein Kellner! Der Wirt wartet selbst auf; ein Mädchen mit einer dicken, rotgestreiften Schürze bringt die Speisen herein, — und dieser Küchenzettel! Nein, — und Lucie, sieh hier dieses Möbel!“
Lucie mußte auch lachen, als sie sich im Zimmer umsah; es war weißgestrichen mit einer grauen Kante und kleinen, grünen Blumen. In der Ecke desselben stand ein mächtig großer, zweithüriger Schrank, himmelblau angestrichen, an der Seite mit den schönsten Blumen- und Fruchtstücken in den leuchtendsten Farben verziert, vorn die Schöpfungsgeschichte und der Sündenfall deutlich abgebildet. Ein Sofa hatte das Zimmer nicht, aber zwei Betten mit guten Matratzen und einen alten, bequemen Lehnstuhl, mit buntem Kattun überzogen, in dem Fanny behaglich saß.