„Ich weiß nicht, Judith, mir gefällt alles sehr; es ist einmal anders wie sonst, und es schmeckt mir viel besser, als jemals zuhause!“ Martha hatte Ähnliches gedacht; die Aufwärterin mit ihrem guten, teilnehmenden Gesichte erschien ihr viel gemütlicher als ein befrackter Kellner, und ein Blick aus dem Fenster ließ die Dekorationen im Inneren des Zimmers nur wenig vermissen.
Am Nachmittag ging Fanny mit in den Speisesaal; sie waren heute noch allein darin, weil die anderen Gäste ausgeflogen waren. Frau v. Märzfeld betrachtete mit sehr unzufriedenen Blicken die Tischdecke aus braungeblümtem Kattun, aber was darauf stand: Kaffee, Milch, Weißbrot, Butter und Honig, das war unübertrefflich. Noch bevor es ans Auspacken ging, erschien der Arzt.
„Mein bester Doktor“, sagte Frau v. Märzfeld, nachdem man sich ins gemeinsame Wohnzimmer zurückgezogen hatte, „in was für eine Pension haben Sie uns gebracht! Sollte es in dem großen Heyden keine elegantere und anständigere geben?“
„Gewiß haben wir elegantere, gnädige Frau; für anständig halte ich aber diese sehr, und ich weiß keine, die ihre Patienten gewissenhafter und besser versorgt; überdem ist hier gerade die Luft und die Aussicht besonders schön; ich dachte, es würde unserer jungen Patientin hier wohl sein. Wie steht es damit, Fräulein?“ fragte er, zu Fanny gewendet.
„O, mir gefällt’s ganz gut!“ sagte diese; „ich möchte gar nicht fort von hier!“
„Glauben Sie, daß ich meine Tochter mit ihrer Erzieherin bei diesen Leuten allein zurücklassen kann?“
„Gewiß, es sind ganz zuverlässige Wirte, und das Dienstmädchen, die Anna aus Oberösterreich, die ist ein wahrer Schatz; je kränker einer ist, desto lieber hat sie ihn.“
„Dann werde ich mich nur wenige Tage hier aufhalten; ich bin in der That ganz andere Umgebungen gewohnt!“
Es blieb dabei! Am zweiten Morgen nahm die Mama mit den beiden ältesten Töchtern Abschied, um eine größere Reise anzutreten nach den schönsten Punkten der Schweiz. Fanny winkte ihnen mit ihrem Taschentuche Grüße zu, die sie freundlich erwiderten; Martha sah ihnen nach mit sonderbaren Gedanken und Gefühlen: sie war noch in den Jahren, wo man sich gern Illusionen macht! Nach der Schweiz, nach der Schweiz hatte ihr Sinn gestanden, so lange sie lebte; und nun war sie hier, festgebunden an diesen zwar lieblichen, aber wenig großartigen Fleck. Da Fanny jetzt kein Mädchen hatte, wagte sie auch nicht auf Stunden dieselbe zu verlassen. Sie war gefesselt an den Rollstuhl ihrer Schülerin, den ein dazu gemieteter Diener jeden Morgen zum Trinkplatz, jeden Nachmittag zu dem kleinen Gehölze hinausschob, in welchem man zur Bequemlichkeit der Sommergäste Wege und Bänke angelegt hatte. Es war dies fast der einzige Ort, wo man im Schatten wandeln konnte! Es ist schwerer als man denkt, mit voller Gesundheit und rüstiger Kraft mitten hinein gesetzt zu sein in eine so schöne Natur, zu wissen: dürftest du jetzt eine Stunde oder zwei steigen, so hättest du alle Herrlichkeit der Alpenwelt vor Augen, nach der du dich lebenslang gesehnt; und dann all dies Verlangen zügeln zu müssen, ja, es verbergen vor den Augen eines geliebten Kranken!
Martha strebte hiernach mit dem besten Willen; aber ungerufen tauchten wieder und wieder Gedanken in ihr auf, deren sie sich schämte.