„Warum muß ich nur hier sitzen bei der kleinen Kranken? würde ich nicht mehr Genuß haben an den Bergen, Gletschern und Seen als Frau v. Märzfeld und Lucie, die schließlich doch nur nach den Außendingen fragen?“

Es sitzt in jedem natürlichen Menschen, wenn auch noch so verborgen, ein kleiner Sozialdemokrat. Man mag nur auf sich achten! Man ist darum noch nicht zufrieden und genügsam, wenn man prächtige Kleider, feine Speisen, eine bequeme Lebensweise gern entbehrt; dies ist für manche Naturen gar nicht schwer; aber fast für jeden giebt es einen Punkt, nach welchem seine Wünsche besonders lebhaft gehen, nach dem seine innerste Neigung gerichtet ist; gewöhnlich faßt der liebe Gott in der Lebensschule seine Kinder bei diesem Punkte an, und nur wenn es gelingt, sich zu unterwerfen und den innern Rebellen zu besiegen, giebt es vollen Frieden in der Brust. Martha hatte an Fanny ein gutes Vorbild. Seitdem ihre Sehnsucht nach genügender Teilnahme, Unterhaltung und Beschäftigung gestillt war, konnte man nicht zufriedener sein als sie. Heyden brachte ihr überdies eine Menge neuer Eindrücke, die sie fortwährend anregten und erheiterten.

Am Morgen zwischen sechs und sieben Uhr kam der „Schottenfranzerl“ — Schotten nennt man dort die Molken — mit seiner heißen Butte von der Ebenalp herunter, doppelte wollene Decken zwischen der Butte und dem Rücken, damit er sich nicht verbrenne. Zwischen zwei und drei Uhr morgens ging er vom Säntis weg, um sechs Uhr erschien er in Heyden — welch eine beschwerliche Tour! nur die stärksten Männer konnten dazu verwendet werden. Der Franz sah gar schön aus, wenn er mit seiner Last so leicht auftrat, als ginge es zum Tanze; den spitzigen Hut mit der Auerhahnfeder auf dem Kopfe, unter der roten Weste den breiten Ledergurt, auf dem das liebe Hornvieh sich im blanksten Messing getrieben präsentierte, ein Abzeichen seines Standes. Die Molke war beim Ausschenken noch zu heiß, um sie sogleich zu trinken, und Fanny, die so viel Sinn für Humor hatte, belustigte sich im stillen über die verschiedenen Auffassungen und Anstrengungen der Gäste bei ihrem Genusse. Einige schluckten verdrießlich und widerwillig, andere, als besorgten sie die wichtigste Arbeit ihres Lebens; noch andere scherzten und lachten dabei; und je besser Luft und Kur ihr bekamen, je größer die Strecken wurden, welche sie jetzt an Marthas Arme zurücklegen konnte, desto mehr Lust bekam sie, sich dem heiteren Teile der Gesellschaft zuzugesellen. Das Frühstücksnäpfchen mit der braunen Mehlsuppe darin hatten beide Mädchen zuerst sehr bedenklich angesehen, doch redete die Anna aus Oberösterreich zu: „Esse Sie nur, ’s ischt gut, ’s ischt sehr gut!“ Sie aßen und es bekam ihnen wohl.

Bei ihren kleinen Reisen durch den Ort zogen die Gardinenweberinnen, die man durch die niedrigen Fenster arbeiten sehen konnte, meist noch junge Mädchen, ihre Aufmerksamkeit auf sich; auch die alten, ungemein sauber gekleideten Weiblein, die Gardinen stickten, und die geschickten Stickerinnen, welche die superfeinen Taschentücher und Kragen lieferten, die „beim Sturzenegger“ auslagen. Manche Regenstunde wurde dort in dem anziehenden Geschäfte zugebracht, manches Geldstück wanderte aus Fannys Sparbüchse, indem sie sich hier mit Geburtstagsgeschenken für Mutter und Schwestern versorgte.

Eine neue Freude war ihr der Sonntag; sie hatte in M. nicht mit zur Kirche gehen können; hier in Heyden kam der Wirt am Sonntagmorgen, brachte jedem seiner Gäste ein Gesangbuch und teilte mit, um neun Uhr werde man zur Kirche gehen. Nun wurde ihm von manchem Gaste das Gesangbuch dankend zurückgegeben; das nahm er freundlich und ruhig hin; er hatte nun seine Schuldigkeit gethan.

Martha und Fanny, letztere in ihrem Rollstuhle, schlossen sich gern dem Zug der Kirchgänger an, den der Wirt anführte. Obgleich die ziemlich neue Kirche nur Stahlglocken hatte, erschien es doch beiden Mädchen, als hätten sie nie so etwas Schönes gehört als dies Geläute, wie es in der frischen Morgenluft über den blauen See hinüber klang; so recht volle Sonntagsfreude zog in ihre Herzen ein, und sie lernten bald sich zurechtfinden in dem vollen vierstimmigen Gemeindegesang. Auch der Pastor verstand es wohl, die Herzen auf das Eine hinzuweisen, was notthut, und so meinte Fanny, der Sonntag könne wohl in der ganzen Welt nicht so schön sein, wie hier oben in Heyden.

Des Abends, wenn die anderen Hausgenossen teils noch promenierten, teils nach dem Kurhause gegangen waren, um in größerer Gesellschaft zu sein, saßen unsere beiden Mädchen mit dem Wirt, der Wirtin und der Anna aus Oberösterreich vor der Thür oder im Zimmer; der Wirt hatte dann eine blaue Schürze um und rüstete mit seiner Frau zusammen das Gemüse oder Obst für den anderen Tag, wobei Martha gern half; eine Köchin gab’s in der Pension nicht. Dann erzählte der Wirt aus seinem bewegten Leben. Er stammte aus Vorarlberg, war schon als Knabe hinausgezogen ins Land mit Quirlen und Löffeln, hatte Menschen, Gegenden und Verhältnisse kennen gelernt, und seitdem er die Margaret in St. Gallen zuerst gesehen, da war er sehr sparsam geworden und hatte es zuletzt so weit gebracht, sich in Heyden ein Häuschen zu kaufen, in das er diese Margaret geführt; aus dem Häuschen war ein Haus geworden und eine bekannte und angesehene Pension. Beide Mädchen hörten ihm gern zu; Martha machte die Bemerkung, daß man mit offenen Augen und gesundem Sinne auch ohne Bücher recht viel lernen kann.

Die Pension hatte sich indessen mehr und mehr mit Fremden gefüllt; mittags erschienen außerdem noch Gäste aus dem Ort, und da sie aus aller Herren Ländern zusammenkamen, wurde die Unterhaltung abwechselnd französisch, englisch und deutsch geführt.

Marthas Nachbar war ein Amerikaner, der sich englisch mit ihr unterhielt. Fanny hatte zwar einige englische Stunden gehabt, es aber nicht so weit gebracht, den Fremden zu verstehen, und da er sehr interessant zu erzählen pflegte, so übersetzte es Martha gewöhnlich ihrem Zögling.

Eines Mittags bemerkte es der Fremde: „O, ich kann es der kleinen Dame gleich deutsch erzählen.“