Man konnte sich mit dem Wittelsbacher vertragen. Sich damit abfinden, daß nicht Bayern von Tirol aus, sondern Tirol von Bayern aus regiert wurde. Dadurch, daß der eigentliche Regent, Herzog Stephan, nicht in München saß, sondern in Ingolstadt oder in Landshut, war sein Zentrum nicht gar so nahe an Tirol, die Zentralisierung und Unitarisierung erschwert, dem Land in den Bergen eine gewisse Autonomie gewährleistet.

Man konnte aber auch den Habsburger anrufen gegen Herzog Stephan. Er wartete nur darauf. Abhängigkeit in irgendeiner Form wird sich freilich auch da nicht vermeiden lassen. Aber ein kräftiges, stetiges Regiment war verbürgt.

Zäh, träge schleppten sich die Argumente hin und her. In dumpfer Verdrossenheit hörte Margarete zu. Kam denn niemand auf den Gedanken, der am nächsten lag. Hatte sie sich so schlecht bewährt? Sie schaute auf Schenna, auf Gufidaun. Die starrten mit mühevollen, leeren Gesichtern vor sich hin.

Seltsamerweise war es der Frauenberger, der den Plan vorschlug, den sie erwartete. Breit grinsend, vergnügt führte er aus: Wenn der junge Herzog wirklich so anlehnungsbedürftig sei und Führung brauche, warum diese Führung nicht dem gegebenen Vormund anvertrauen, der Mutter, der Herzogin, die sich in viel schwierigeren Lagen so fürstlich bewährt habe? Wozu erst lange mit Wittelsbach paktieren? Man bringe Meinhard nach Tirol. Hätten ihn die bayrischen Herren in ihre scheußlichen, verlorenen Winkelnester schleppen können, so werde man es mit Gottes oder Teufels Hilfe noch fertigbringen, ihn nach Tirol zu kriegen, wo er hingehöre. Habe man ihn erst im Land, dann werde man von hier aus nach Bayern regieren. Herzog Stephan werde es sich reiflich überlegen, ehe er von der Donau aus ein kriegerisches Abenteuer in das Land im Gebirg wage. Und sogar dann habe man immer noch den Rückhalt an dem Habsburger als natürlichem Bundesgenossen. Im schlimmsten Fall werde man eben förmlich auf Oberbayern verzichten, gegen Entschädigung, und sich auf ein großes, autonomes Tirol beschränken.

Ja, ein autonomes Tirol. Das war auch Margaretes Plan. Bayern als Anhängsel; oder im äußersten Fall überhaupt nicht. Aber Tirol den Tirolern.

Es handelte sich zunächst darum, Meinhard dem Einfluß Herzog Stephans zu entziehen, ihn von München weg nach Tirol zu kriegen. Der junge Herzog hatte seit Antritt seiner Regierung das Land in den Bergen noch nicht betreten. Es war nur billig, daß das Volk ihn endlich zu sehen verlangte.

Auf Betreiben Schennas und Gufidauns wurde eine große Tagung nach Bozen einberufen. Es kamen blonde, stämmige Männer mit kurzen, breiten Nasen und trägen, schlauen Augen und hagere, schwarzbärtige, gebräunte mit kühnen, gebogenen Nasen und scharfen, raschen Augen. Es kamen die drei Hauptleute des Landes im Gebirg, der zu Tirol, der an der Etsch und der am Inn, es kamen die Hofmeister und Vögte und Burggrafen. Es kamen die Barone, die großen und die kleinen, die Vertreter der Städte, Pflegen und Gerichte. Es waren ihrer hundertunddreiundfünfzig Herren und Männer. Sie traten zusammen auf dem bunten, fröhlichen Marktplatz von Bozen an zwei strahlend dunkelblauen Spätsommertagen. Sie überlegten, sie berieten langsam, schwer, vorsichtig, mit harten, krachenden, gurgelnden Kehllauten. Sie schauten einander schlau und bieder in die Augen, sie hatten umständliche, eckige, treuherzige Bewegungen, sie wischten sich mit den schweren Rockschößen den Schweiß von den Gesichtern. Die Berge standen rotbraun und violett, ganz oben weiß.

Sie entschlossen sich, dem jungen Herzog einen Brief zu schicken. Diesen Brief unterzeichneten von den Baronen sieben, der ältere Ulrich von Matsch, Schenna, der Trostburger, Heinrich von Kaltern-Rottenburg, Gufidaun, der Frauenberger, der Botsch von Bozen, und es siegelten von den Städten vier, Bozen, Meran, Hall, Innsbruck, im Namen aller übrigen.

Das Schreiben lautete so: „Lieber gnädiger Herr! Wir tun Euer Gnaden zu wissen, daß wir zu Bozen beieinander gewesen und übereingekommen sind, Sie zu bitten, daß Sie zu Ihrer wie des Landes Ehre und Nutzen hereinkommen möchten zu uns, weil wir Sie schon lange gern gesehen hätten, wie ganz billig ist; denn Sie sind ja unser lieber, rechtmäßiger Herr. Auch werden Sie bei uns besser gerichtet und gewürdiget werden und unverdorbener bleiben, als draußen in Bayern, wie man uns sagt, geschehen ist, und auch Ihr Land und Leute da herinnen werden dann von den Drangsalen, welche draußen sind, frei bleiben. Bei uns hier in dem Gebirge steht durch Gottes Segen alles richtig und freundlich, so gut als es je bei Ihres Vaters seligen Zeiten gestanden hat; auch herrscht Friede im Land und an der Grenze. Gnädiger Herr! Wir bitten, auf uns zu vertrauen, wir meinen es gut mit Ihnen. Trauen Sie es uns zu, wir opfern Gut und Blut für Sie, vertrauen Sie sich sonst niemandem.“

Der Frauenberger brachte das Schreiben nach München. Er kam mit stattlichem Gefolg, übergab das Schriftstück in feierlicher Audienz. Versprach sich im übrigen nicht den geringsten Erfolg, sondern war gewiß, daß man andere Mittel werde brauchen müssen.