Bei Tafel erzählte Prinz Friedrich, sein lieber Herzog und Vetter Meinhard habe aus seiner Provinz Tirol ein sehr kurioses Dokument bekommen, das er den edeln Herren doch nicht vorenthalten wolle. Der Brief wurde verlesen. Erst schmunzelte man, dann pruschte man heraus. Gelächter, immer lauter, stürmischer, schütterte alle. Es lächelte Agnes, es lachten die Damen, es dröhnten, bogen sich die Herren, es lachten scheppernd die Lakaien, es pfiff Meinhards Murmeltier Peter, es quiekten die Kämmerlinge.
„Diese Tiroler!“ sagte man, atemlos von der Erschütterung.
„Ja, unsere Tiroler!“ sagte der Frauenberger, behaglich, rosig, fett, und blinzelte aus den rötlichen Augen.
„Finden Sie auch den Brief Ihres Landes in den Bergen so komisch, Herr Herzog?“ fragte der Frauenberger. Er war, trotzdem eigentlich sein Geschäft mit der Übergabe des Briefes zu Ende war, in München geblieben und hielt sich viel in der Nähe Meinhards.
Der junge Herzog hatte in der Gegenwart des breiten, fleischigen Mannes mit dem Froschmaul in dem nackten, rosigen Gesicht stets ein unbehagliches Gefühl, seine joviale Art machte ihm angst. Aber er konnte doch nicht recht fort, wenn er kam; der massige, lachende, quäkende Mensch imponierte ihm; er sprach so ganz anders als alle andern, respektlos, selbstverständlich, nackt. Man fühlte sich auf eine nicht unangenehme Art hilflos vor ihm, von ihm hingenommen. Voll immer neuer, mit Grauen untermischter Neugier ging der sanfte, dickliche, dümmliche Herzog um den Albino herum.
Der Brief seiner Tiroler war Meinhard im Grund durchaus nicht lächerlich vorgekommen, im Gegenteil, er hatte ihm lieb und lieblich in die Ohren geklungen; nur weil die andern so schrecklich gelacht und das Schreiben so albern und anmaßend gefunden hatten, hatte er mitlachen müssen. Daß jetzt der Frauenberger, der große, gescheite Mann, die Kundgebung der Tiroler so ernsthaft zu nehmen schien, war dem gehetzten, umstellten Fürsten tröstlich und sehr angenehm. Aus dem zutraulichen Brief hatte ihn etwas Einfaches, Ruhevolles angesprochen; es war ihm für ein paar Minuten gewesen, als gebe es kein München und kein schwieriges Ritterzeremoniell und keinen Artusbund und keine Wittelsbacher. Es mußte schön sein, auf einer Bergwiese zu liegen zwischen großen Kühen, nichts zu hören als leisen Wind und das sanfte, blasende Geräusch, mit dem die Tiere das Gras abrauften.
Der Frauenberger stand vor ihm, blinzelte. Meinhard mußte näher an ihn heran. „Wie es mich freut,“ sagte er und schaute aus seinen blanken, runden Augen zu ihm auf, „daß Sie den Brief meiner Tiroler nicht dumm finden.“
„Nicht dumm!“ quäkte eifrig der Frauenberger. „Jedes Wort sitzt an der rechten Stelle! Jeder Buchstab trifft! Die über ihn gelacht haben, sind die Dummen! Sonst hätte ich ihn doch nicht unterschrieben. Heut und jederzeit unterschreib’ ich ihn wieder, mit beiden Händen!“
Meinhard trat noch einen tastenden Schritt näher an den fetten Mann. „Ich bin so müd und gehetzt,“ klagte er. „Der Friedrich schaut mich auch nicht mehr so freundhaft an wie früher. Erst hab’ ich gedacht, regieren ist leicht. Jetzt zerrt einer hierhin und eine dahin, und alle reißen an mir.“
Der Albino legte ihm die fleischige, gefährliche Hand auf die Schulter, quäkte: „Bub! Laß dich nicht klein kriegen, Bub!“