Cita nahm ihr Schweigen wie ein leises Gekränktsein und fuhr rasch fort: »Ja, süße Ma, du hast sicherlich recht. Aber, siehst du, was du so das ›beseelte Leben‹ und ›das Allseitigere‹ in der geistigen Anregung nennst, das werden wir ebenfalls haben. Das Fachstudium wird bei weitem nicht alles sein, sondern der ganze Kreis der Interessen in der Frauenbewegung. Das wird uns frisch und kampflustig erhalten. Sieg der modernen Frau! Das soll die Losung sein. — — Hier konnte Sophie diesen belebenden Geist unmöglich aufnehmen. Uns fehlte hier ja auch der laufende Zusammenhang mit allem Modernen. Wenn man aus dem Auslande kommt, spürt man das arg, du kannst es glauben! Nun, aber es schadet weiter nichts: wir holens schon nach.«

Sie erhob sich aus dem Schaukelstuhl, kam zur Mutter, bückte sich, küßte sie auf den Scheitel und sagte mit fast mütterlicher Zärtlichkeit im Ton: »Du unsre süße Ma! hier ist es einzig und allein schön, weil du hier bist. Vielleicht würdest du dich in einem andern Rahmen nicht mehr wohl fühlen. Und du machst alles schön rings um dich her. Aber wir können jetzt nicht nur auf das Schöne achten.«

Dann richtete sie sich auf, verschränkte die Arme auf dem Rücken und stellte sich nachdenklich musternd vor das Bücherregal.

»Siehst du, Sophie, — dort hinein schaffen wir dann auch Ma neue Bücher, — nicht an Stelle der alten, aber mindestens zwischen die alten. — — Man kann auch nicht immer nur Dante und Homer und Shakespeare und Goethe und ähnliche Herren lesen. Nicht wahr, Ma?«

Marianne saß ganz still und lauschte. Sie lauschte noch, als gar keine Rede mehr kam, und die Schwestern miteinander in den Büchern zu kramen anfingen, wobei Sophie auf dem Boden saß und Unsinn trieb.

Sie lauschte in alle geredeten Worte tief hinein —. Denn daraus klang ja nicht nur die naive Ablehnung Sophiens, nein, etwas viel Tieferliegendes hörte sie immer deutlicher heraus, — etwas auf dem verborgenen Grund aller dieser Worte —.

Sophiens Gefühl war so ganz unwillkürlich gewesen. Aber es verriet, daß Mutter und Kinder ganz und gar nicht eins waren, eines Wesens, — daß das ein bloßes Trugbild war, ein Traum. Die arme Sophie konnte nichts für ihren naiven Egoismus, — Cita, die sagte es ja: sie waren etwas andres, wollten etwas andres, strebten anderm zu, als die Mutter —.

Der Mutter gehörten sozusagen nur noch Wesensreste aus der Kindheit, — nicht mehr der entwickelte Mensch. Dem wurde sie leise fremd — fremd — fremd. Von dem wurde sie mit dankbarer Nachsicht geliebt. Notwendig blieb sie ihm nicht mehr.

Wahrscheinlich ging das immer so zu. Auch dann, wenn das Muttersein das gesamte Wesen eines Menschen aufgesogen und ausgemacht hatte —? Auch dann, wenn er sich mit seiner ganzen tragenden, nährenden Lebensfülle den Kindern einverleibt hatte —? Ja, auch dann. Auch dann blieb er wie ein blutendes, losgerissnes Stück am Boden liegen, allein liegen, — ohne es ändern zu können — —.

Cita hatte ja im Grunde recht: während die Mutter hier umherging und Stunden gab, vermochte sie nicht zugleich die Wege weiterzugehn, die sich nun den beiden öffnen sollten, — die Wege neuer Zeiten, einer neuen Generation —. Und wohin die führen würden? Ob nicht zum entgegengesetzten Ende dessen, was sie mit heißester Inbrunst für ihre Kinder erfleht und selbst in ihrem ganzen Leben demütig zu verwirklichen gestrebt hatte?