»— Also ist es wirklich entschieden. Nun, ich weiß nicht, ob ich mich freuen darf. — — Ich muß jetzt nach Hause eilen, Taraß wartet auf mich. — Aber — sagten Sie diese Worte, Marianne Martinowna? Sie, die doch immer so ganz innig in ihrem Gefühl lebte, wie in einer großen unteilbaren Freude —.«
Marianne entgegnete rasch, mit plötzlicher Bitterkeit: »— Kein Freudenbecher, der nicht zum Leidenskelch wird, wenn man ihn bis zur Neige leert! Nein nein, kein einziger, — und vielleicht am wenigsten von allen das vielgepriesene Mutterglück.«
Sie erhob sich, um Tamara hinauszugeleiten. Da begegnete sie deren still und ernst auf sie gerichteten Augen, und sie gedachte mit einemmal dessen, daß diese Augen ja eben jetzt in grenzenloser seliger Erwartung dem zukünftigen Mutterglück entgegenschauten —.
Sie dachte an Taraß und seine strahlende Freude und an das kalte Zimmer mit den Tannen, der Korbwiege und dem Kinderspielzeug —.
Marianne umarmte die junge Frau plötzlich, aber ganz zaghaft, wie eine heimlich Geweihte, sie nahm ihre Hände zwischen die ihren, drückte sie an ihr Gesicht und murmelte hilflos: »— Verzeih mir, — ach verzeih! Hör nicht auf mich. — — Wie gut bist du doch. Hast da den weiten Weg in der Kälte gemacht —. Deck dich im Schlitten gut zu, hörst du —? — — Du mußt jetzt solche Wege vermeiden, — dich in acht nehmen —.«
Tamara wurde dunkelrot. Sie küßte Marianne herzhaft, mitten auf den Mund.
»Ach,« sagte sie, und ihre Stimme klang ganz hell von viel Glück, »ich weiß es ja, — ich wußt es ja: Sie sind doch noch ganz dieselbe, — unverändert dieselbe und werden es immer bleiben. — — Es genügte nicht, daß Sie mir Schulunterricht gaben und noch manchen andern, schönern Unterricht: ich hab es ja Ihnen allein abgeguckt, wie man eine gute Mutter wird, — so eine von Herrgotts Gnaden —. — — Und mein kleines Kind, das bring ich zu Ihnen, daß es hier heimisch werde von Anfang an, und es soll Großmutter sagen lernen von Anfang an —.«
Marianne geleitete sie hinaus und ging nicht mehr ins Schlafzimmer zurück. Der Theetisch wurde schon gedeckt; wie immer saß sie beim Abendthee mit ihren beiden Mädchen zusammen und plauderte mit ihnen.
Aber eine undenkliche Mühe kostete sie ein jedes Wort, das harmlos und heiter klingen sollte wie immer —. Und während sie gleichgültige Dinge sprach, dachte sie immer denselben Gedanken: »Ist es im Grunde nicht wahr? Haben sie denn nicht recht? Sie lassen sich erfüllen von allem, was sie vorwärts bringen mag, ich aber, — habe ich nicht jahraus, jahrein nur ein paar immer gleiche Sorgen mit mir herumgetragen: tägliches Brot beschaffen, — Lektionen vorbereiten, — und wieder das tägliche Brot, und wieder die Lektionen —. Ich habe mich bemüht, es so gut zu machen, wie ich nur konnte: und da hat das Wenige genügt, — da haben diese anderthalb Gedanken schon genügt, — um alle Kraft aufzuzehren —. Oder hatte ich nicht genug Kraft — —?«
Und langsam sank die Bitterkeit von ihrer Seele, um nur einer tiefen, demütigenden Entmutigung den Platz zu lassen. Bitterkeit vermochte ihre Seele nicht lange zu ertragen: die Entmutigung nahm sie schweigend auf.