Von ihrer einzigen Unterrichtsstunde wäre Marianne fast aus Zerstreutheit nach Hause gegangen. Plötzlich fiel ihr jedoch der Weihnachtsbaum ein, der sich so groß und anspruchsvoll mitten in ihrem Zimmer erhob, — als erwarte er sie da förmlich mit herausforderndem Hohn. — — Morgen war schon heiliger Abend. Da würde man ihn sogar noch schmücken müssen. Denn das wollten die Mädchen ja ihretwegen gern thun, obschon es ihnen ein bißchen lästig war, — sie selbst hielten nichts auf solche Kindereien —.
Wie recht sie hatten! Wie froh wäre sie jetzt gewesen über ein sang- und klangloses Weihnachten!
Nein, sie vermochte nicht heimzugehn und sich an den gedeckten Frühstückstisch zwischen ihre beiden Kinder hinzusetzen —.
Frierend und unschlüssig, wie obdachlos, stand Marianne auf der Straße im Winterwinde.
Sie, die sich so auf die Ferien gefreut hatte, sie, die es so haßte, sich Tag für Tag draußen herumtreiben zu müssen, sie stand jetzt da, um den Ihrigen Lehrstunden vorzutäuschen, die sie gar nicht zu geben hatte —.
Einmal fiel sie durch ihr zauderndes Stehnbleiben auf. Irgend ein Straßenflaneur beugte sich vor, um sie deutlicher zu sehen —. Es war mitten im Menschengetriebe unweit der Schmiedebrücke; Marianne durchquerte den Fahrdamm, um in eine der stillern Seitenstraßen einzubiegen, als sie zwischen den dahinhastenden Menschen Tomasows Gestalt erkannte.
Er schritt langsam neben irgend einem Bekannten. Als er Marianne auf sich zukommen sah, verabschiedete er sich jedoch von ihm und ging ihr erfreut entgegen.
Leise schob sie ihren Arm in den seinen.
»Danke!« sagte er lächelnd. »— Offenbar auf Weihnachtswegen?«
Sie schüttelte den Kopf.