»Daß der erste Kraftaufwand nicht vorhalten, — daß die Stimmung zunächst sinken würde —. Sie haben sich seelisch bis zum äußersten anspannen müssen, und jetzt kommt der Rückschlag.«

Marianne rührte mit ihrem Löffel im Thee herum. Ihr fiel ein, daß Tomasow ja so gar nichts vom gestrigen Tage wußte. Ueberhaupt nichts von der heimlichen Hoffnung, die sie ja allein so tapfer hatte erscheinen lassen, — noch auch von der großen Bitterkeit hinterher.

Es war etwas ganz Ungewohntes für sie, daß er nicht vollen Bescheid wußte und dementsprechend urteilte. Aber nur nicht davon erzählen! Sogar ihm nichts! Was konnt es denn helfen?

Tomasow stützte einen Arm auf, und sich näher zu Marianne hinwendend, mit dem Rücken gegen das Fenster, bemerkte er halblaut: »Frau Marianne, jetzt ist es an der Zeit, daß Sie mir mehr Machtvollkommenheit geben —. Vollmacht, Sie ganz anders als bisher in Obhut zu nehmen, zu pflegen, abzulenken, zu beaufsichtigen, — kurz: um Sie zu sein —«

Sie faßte seine Worte nur ungenau auf, in ihre Kümmernisse klangen sie aus solcher Ferne herein, daß sie keinerlei verborgenen Sinn hinter ihnen vermutete.

»Ich weiß, Sie sind immer gut!« sagte sie nur freundlich.

»— Gut —?! Nein, Marianne, mit meinem Gutsein hört es nun auf. Glauben Sie nur, es ist mir nicht immer leicht gefallen ›gut‹ gegen Sie zu sein, Ihr guter Freund zu sein — alle die Jahre. Jetzt aber, wo Sie allein bleiben, wo sich Ihre Töchter ihr eignes Leben bauen, da will ich ein andres Recht, als das der Güte: das Recht, auch ein Leben aufzubauen — Ihnen und mir.«

Er sprach noch immer halblaut, jedoch rasch und bestimmt, und in seiner Stimme vibrierte tief gedämpft ein Ton, den er Marianne gegenüber noch nie angeschlagen hatte.

Sie schrak aus ihrer Müdigkeit auf, ihr Blick streifte Tomasow wie erwachend und noch verständnislos erstaunt; als sie jedoch dabei seinen fest auf sie gerichteten Augen begegnete, geriet sie in Verwirrung.

Tomasow sagte fast gütig: »Es ist schlecht von mir, daß ich Sie so überfalle, Ma —. Aber es hilft nun nichts mehr: bei Ihnen zu Hause bin ich mit Ihnen tausendmal weniger allein als hier, — und im nächsten Augenblick stehn Sie wieder lächelnd und gewappnet da, — in jeden Arm hineingeschmiegt eins Ihrer Kinder. — — Sie sollen mir auch nicht antworten müssen, Ma. Heute nicht und selbst morgen nicht, wenn Sie wollen. Nur wissen, — wissen, daß Sie keineswegs so selbstherrlich allein dastehn werden, wie Sie wohl glauben, — — weil ich Sie mir nunmehr nehme —«