Marianne sah nicht auf. Die Röte auf ihren Wangen hatte sich vertieft, als ob sie wieder den Wind draußen um sich sausen fühle. Sie sprach sich innerlich die Worte vor, die sie Tomasow jetzt zweifellos sagen mußte, — sie nahm sich vor, den Kopf zu heben und ihn einfach zu bitten, — ja, zu bitten, er möchte doch wieder, ganz so wie bisher, gegen sie »gut« sein —.
Aber nach seiner Bemerkung, daß er keine Antwort erwarte, beugte sie den Kopf nur noch tiefer, und mit einem seltsamen Gefühl von Beklemmung erließ sie sich alles, um was sie bitten wollte.
Denn bei dem Ton seiner Stimme, da quoll langsam, unvermutet und betäubend eine wunderseltsame Gemütswallung in ihr auf — —. Und machte sie zaudern, und ließ sie verwirrt den Blick Tomasows meiden, wie wenn eine geheime Sehnsucht etwas ganz andres ersehnt habe, als alle jemals bewußt gewordenen Gedanken in ihr.
— — Es war grade, als risse Tomasow mit ein paar gewaltsamen Griffen den Vorhang von irgend einer fremden Landschaft zurück, sodaß ihr plötzlich bewußt werden sollte: nur ein Vorhang scheide sie davon —.
Sie meinte noch nie durch diese Landschaft gewandelt zu sein und wußte doch auf einmal: nur ganz durchsichtig verhangen war sie ihr gewesen, und immer da war sie gewesen, dicht vor ihr. Und blitzschnell, zu neuem, verwirrendem Wiedererkennen, drängte sich plötzlich vor ihrem Auge Bild auf Bild daraus. Minuten, Momente aus ihrem Verkehr mit Tomasow sah sie vor sich, — oft unterbrochen durch Monate und weit länger, oft einander rascher folgend in feinen, unmerklichen Sensationen, — auf die sie mit dem Finger hätte weisen können: da — und da — und da, — ja, war sie da seinen Wünschen nicht, ohne es zu wissen, ganz nah gewesen, — ganz nah einem weiblichen, eignen Glücksverlangen —?
Marianne saß regungslos und noch immer im Bann der leichten Mattigkeit, die sie heute umfing. Allmählich vermischte sichs ihr ganz, wo und wozu sie sich hier befand, tief benommen von der Gemütsbewegung, die Macht über sie gewann. Sie fühlte sich wie jemand, der ganz unvermutet geweckt wird und in völlig irreführender Gegend zum Erwachen kommt. — —
Tomasow war ebenfalls verstummt. Nur sein Blick ruhte immer wieder auf Marianne und mochte ihm einiges von dem enträtseln, was in ihr vorging.
Ohne daß sie miteinander sprachen, ohne daß sie einander auch nur anschauten, leitete sich zwischen ihnen eine Verwandlung ihres gegenseitigen Verhältnisses ein: das nahm er mit allen Nerven wahr. Und auch er überließ sich einem Hinträumen, das ihn weit fort entführte — —.
Das Blut stieg ihm in die Schläfen, und seine Augen bekamen einen eigentümlichen starken Glanz.
Ganz still war es in dem kleinen heißen Zimmer. Ein einziges Mal ging draußen im Vorraum kreischend die Außenthür, ein paar schwere Tritte, kurze Frage und Antwort, Papierknistern, und wieder wurde alles still.