Eben begann Tomasow Marianne von seiner Liebe zu reden, da traten sie schon in das Erlöserthor ein, das in den Kreml hineinführt. Die Fuhrwerke mäßigten den Schritt, die Menschen entblößten ihr Haupt, und Tomasow, der mechanisch seinen Hut abnahm, konnte in der um sie eingetretenen Stille nicht recht weitersprechen.
Dann kamen sie auf den weiten Platz hinaus, vorüber an den Kathedralen und dem alten Facettenpalast. Er schaute hin, und ihm fiel eine kleine Zeichnung von Rjepin zu dessen Gemälde »Die Brautwahl« ein, — ja, so hätte er um Ma freien mögen: inmitten der Pracht der alten Palasträume, der niedrigen Wölbungen russischer Terems, als der alten Fürsten einer —. Und er dachte zurück: noch sein Großvater hatte sich seine Bäuerin vom Feld in die Hütte geführt, und die geschmückten Dorfmädchen tanzten zur Hochzeit. Ja, Hütte oder Palast, das war fast das gleiche: in beiden Fällen ward der Mann der Fürst, der Herr vor seinem Weibe, das von ihm sein Leben empfing.
Vor Tomasows unruhig umherblickenden Augen erhob sich der Uspenski-Dom in der energischen Schlichtheit seiner männlich gedrungenen Architektur, die grauen Kuppeln gleich Heldenhelmen auf Heldenhäuptern, ohne andern Schmuck, andre Farbe, als die verwitterten Bilder unter dem dunkeln Bleidach über dem Thor. Und davor, wie in sich selbst zusammengeschmiegt, in festlicher Anmut, die reizende Verkündigungskirche, die Vielkuppelige, die aussieht, als bildete die Gliederung ihrer Mauern nur eben soviele Vorwände, um eine stillleuchtende Kuppel nach der andern über sich emporzuhalten. Wie Weib und Mann standen die beiden in Tomasows Phantasie zusammen, die überall Symbole dessen schaute, wovon sie aufgeregt erfüllt war.
Den Kopf gesenkt, ging Marianne neben ihm, ihren Blick immer auf den flimmernden Schnee am Boden gerichtet, wie wenn sie mit geblendeten Augen was ablese von dem weißen Geglitzer mit seinen bläulichen huschenden Schatten und Lichtern.
Ihre Hand ruhte im Arm Tomasows; ein wenig zu ihr vorgebeugt, unterhielt er nun Marianne mit halber Stimme. Unruhevoll schweiften ihre Gedanken um das, was er zu ihr sprach. Kaum vermochte sie es aufzunehmen in den einzelnen Sätzen, in den verhaltenen Worten, so stark wirkte es seiner Grundbedeutung nach auf sie —. Ihr ward beklommen wie in der kleinen dumpfen Gaststube vorhin; die Schwüle blieb — —.
Führte er sie nicht hinauf auf einen Berg und zeigte ihr der Welt Herrlichkeit, — jene Herrlichkeit, die man zu eignem Genießen haben kann, in der man sich selbst leben kann, sich sättigen in allem Angenehmen und Erfreulichen des Daseins? Führte er sie nicht hinweg aus der Alltagsniederung mit ihrer einseitigen, bittern Mühsal, mit den armseligen paar Aufgaben, die ihre Kraft aufgesaugt, sie gedemütigt und unfähig gemacht hatten zu eigner, breiterer Entfaltung? — — Und wieder schaute sie bei Tomasows Worten wie in lockende Weiten, in eine Landschaft hinein, seltsam fremd, seltsam vertraut, in der sie sollte ausruhen dürfen an labendem Glück, sich gehn lassen in süßer Ermattung, — und seine Stimme verhieß ihr fort und fort: wolle nur, und all dies ist dein —.
Sie überschritten grade den Platz, als ein erster tiefer Glockenklang mit überwältigender Gewalt die Luft durchhallte. Unmittelbar darauf setzte das Geläute von mehreren großen Glocken ein. Es that den Menschen kund, daß die Feierzeit nahe, daß sie das Werkzeug niederlegen möchten und die Seele öffnen, auf daß auch sie feiere.
Und in Mariannens Seele wiederhallte es in einer lauten Bejahung: sie sehnte sich, zu feiern —.
Aber gleichzeitig klangen mit den Glockenklängen ganz andre Stimmungen als zuvor in ihr an, sie kam heim von ihren ungewiß schweifenden Träumereien, zurück in die Gegenwart ihres wirklichen Lebens, und — wie zwei, die sie gewaltsam hatte vergessen wollen, — schauten ihr die Gesichter ihrer beiden Kinder fragend daraus entgegen —.
Fragend, — so wie heute morgen: Sophiens Gesicht dabei ein wenig verschmitzt, voll pfiffiger Erwartung, beinahe wie sie auch als kleines Kind ausgesehen hatte, wenn die Heimlichkeiten um Weihnachten begannen. Citas Augen fragten nicht mehr kindlich: bringst du mir auch was Schönes mit? Sie hatte sorgenvoll vor sich hingeblickt, — zweifelnd fast, — sie war beunruhigt durch das Benehmen der Mutter. Und wenn sie jetzt erfuhr, — Cita —