Mariannens Herz that plötzlich einen starken, harten Schlag. Sie blieb stehn, wie atemlos: wenn Cita erfuhr — und auch Sophie — —, sie sah mit einem Schlage die beiden Gesichter verwandelt, bestürzt, ungläubig —, sie fühlte mit unwiderleglicher Deutlichkeit: dann erst entfremdeten sich ihr die Kinder ganz —.
Alles Entfremden bisher bedeutete, dagegen gehalten, noch wenig, — wie weh es auch thun mochte, es mußte machtlos bleiben, solange die Mutter selbst nur ihren Mädchen dieselbe blieb. Auch wenn sie Tausende von Meilen weit fort von ihr gingen: sie entfernten sich weniger weit, als durch einen einzigen Schritt, den sie selber fort von ihnen that.
»— Die Kinder —!« sagte Marianne unwillkürlich, mitten in Tomasows Worte hinein, und sie hob zum erstenmal den Blick zu ihm, — ratlos, hilfeheischend. War er doch da, ging er doch neben ihr, — er, der immer alles entschieden, bei allem helfend eingegriffen hatte.
Voll Zuversicht schaute sie zu ihm auf.
»Was ist denn mit den Kindern?« fragte er etwas brüsk, aus der Stimmung gerissen; seine Augen begegneten den ihren mit eigentümlichem, flackerndem Leuchten, »— es handelt sich jetzt doch gar nicht um die Kinder.«
Mariannens Blick glitt rasch, betroffen von ihm ab. Wer half ihr von nun an in allen Fragen und Kämpfen? Er nicht mehr! Er half ihr nicht mehr gegen ihre eignen Schwächen. Bisher konnte er sich ihr so geben, wie sie ihn brauchte, um sich als Mensch hoch und höher emporzuringen. Jetzt, ohne alle Zurückhaltung, brauchte er sie selbst, brauchte sie ohne die Kinder. Wie weit, — weit standen ihm da ihre Herzenssorgen —!
Irgend etwas in Marianne, irgend ein eben erst entfachtes, eben erst wiedererwachtes Sehnen des Weibes in ihr verschüttete sich wieder und wollte zagend erlöschen —.
Tomasow fühlte sofort, daß er einen Fehler begangen habe.
»Alles hat seine Zeit!« sagte er schnell und bestimmt. »Auch die Kinder haben ihre Zeit gehabt, wo Sie sich ihnen ausschließlich widmeten. Nun ist es endlich Zeit geworden, in diesem Punkt vernünftig umzulernen. Schließlich muß man eben wählen, ob man einander leben will und dem Glück, oder ob man von ihrem unreifen Willen abhängen will.«
Und mit größerer Dringlichkeit als vorher sprach er auf sie ein, indessen sie weitergingen im hallenden Glockengeläut, vorbei an den weißgoldenen Mauern der zahllosen Kirchen und Kathedralen. Und je länger er redete, desto mehr wurde es eine Apotheose des sorglosen Feierns und Genießens, wozu er sie einlud. Er suchte alles hervor, was er ihr schenken könnte, und alles ward immer wieder Genuß und Fest. Aber Mariannens Hand lag nur ganz leicht in seinem Arm, sie stützte sich nicht mehr auf ihn, sie sah unruhig aus, und aus ihrem Gesicht war die gläubige Zuversicht geschwunden.