»Rügen — sofort? Vor dir? Meine einundzwanzigjährige Tochter um einer Bagatelle willen vor euch demütigen? Nein, wie magst du das nur sagen, Ottilie! Du mußt auch nicht vergessen, daß Cita längst —«

»Längst im Auslande studiert! Ja ja, das weiß ich! Das ist grade das Unglück. Und ist sie erst ›Doktor‹, — mein Himmel, dann darf sie wohl vollends thun, was ihr beliebt,« fiel ihr Ottilie nervös ins Wort.

Marianne schüttelte verneinend den Kopf.

»Ich meinte jetzt eben nicht grade: weil sie im Auslande studiert. Ich meinte nur: weil sie in so vielen Beziehungen schon fest und tüchtig dasteht und jedes Vertrauens würdig, wie ein reifer Mensch,« sagte sie warm und mit ruhigem Stolz.

Ihre Schwester seufzte. Sie band die Hutbänder zu und wandte sich zum Gehn.

»Fruchtlos, mit dir zu streiten, Marianne. Wir einigen uns doch nicht. Ich sehe den Fehler zu deutlich: du gehst immer zu weit in allem, — das thatest du immer. Alles packst du mit solch innrer Leidenschaft an, gibst dich so ganz dran! Es war auch mit deiner Ehe nicht anders, glaub ich, —«

»Da glaubst du recht!« antwortete Marianne sehr leise, und in ihre Augen trat ein dunkles Leuchten.

»Und die Folge?! Nun, ich will nicht drüber sprechen. Aber daß du so ganz zerbrochen am Boden lagst, — diese gräßliche Zeit. Man kann das doch nicht einfach Witwentrauer nennen —. Und jetzt mit deinen Töchtern. Sie gehn dir buchstäblich über alles. Sind dir dein ganzes Mark und Blut.«

»Ja, Ottilie. So ist es. Soll es denn nicht so sein?«

Ottilie hatte schon den Griff der Thür nach dem Vorflur gefaßt. Sie ließ ihn noch einmal los, wandte sich der Schwester voll zu und sagte halblaut: »Nein! Nein, — siehst du, das ist es eben: es soll nicht so sein. Man muß die Dinge nicht so bis auf den Grund auskosten. Man muß sich zurückhalten, sonst ist man verloren. Sonst verliert man jeden Halt.«