»O du! Das wäre eine traurige Lehre! Man lebt ja nicht, es sei denn, um sich hinzugeben. Man lebt ja nur soviel, als man liebt.«

Marianne sagte es inbrünstig.

Hinter der Thür zum Spalt hörte man Scherzen und Lachen. Ein Durcheinanderreden von Russisch und Deutsch.

Ottilie entgegnete mit gesenkter Stimme und einem Anflug von Bitterkeit: »Das ist kein Ding wert. — — Und wer sich dermaßen ausgibt, verflacht mit der Zeit. Was behält er dann noch Unangetastetes, Eignes? — — Aber geh jetzt, bitte, zu den andern hinein. Sie warten drinnen auf dich.«

»Sie warten nicht. Ich gebe dir deinen Pelz um,« bemerkte Marianne und geleitete die Schwester hinaus. In ihren Gedanken weilte sie jedoch noch beim Gespräch. Sie hätte rufen mögen: »Ein Ding ists wert: die Kinder! Warum sie nur erziehen? Warum nicht von Grund aus sich freuen und jubilieren über sie? Frage deine Tochter! — sie hätt es bei mir seliger als bei dir —.«

»Grüße mir Inotschka!« sagte sie nur.

»Die wird nur rot, wenn ich ihr das bestelle. Ueber alles wird sie rot. Es ist wirklich schon fast ihre einzige Sprache, — und dabei kann sie drei Sprachen so gut. — — Willst du nicht vielleicht morgen abend den Thee bei uns nehmen, wenn du vom Unterricht kommst? Du hast es schon lange nicht gethan. Wir sehen uns wahrhaftig fast nur, weil du Montag Nachmittags mit Nikolai lernst.«

»Ja, ich will kommen,« meinte Marianne. »Am Sonntag kann ich ja ausschlafen.«

Sie küßten sich, und Ottilie ging.

Nachdenklich blieb Marianne im Vorflur stehn. Sie blickte zu Boden, als suche sie etwas. Sie suchte, sich in ihrem Innern auf etwas zu besinnen.