Wie sagte doch Ottilie? »Sonst verflacht man mit der Zeit.« Es gab Leute, die hielten Ottilie für »tief«. Das war es also. Sie gab sich nicht aus, lebte einfach mit Dreivierteln ihrer selbst, — vielleicht nicht einmal damit —.
Aber war es denn immer so gewesen? Nein, sicher nicht. Einst, als Kinder, hatten sie einander viel stärker geglichen als jetzt, hatten gemeinsam und gleich empfunden. Erst viel später mußte die Schwester ihr Temperament außer Gebrauch gesetzt haben, — es beiseite gelassen, — es »reserviert« haben —, wofür? Und wie, in aller Welt, machte man das? — —
Marianne war ins Wohnzimmer zurückgegangen und setzte sich vor das geöffnete Pianino, worauf Sophiens Geige lag.
Zerstreut, ganz leise schlug sie ein paar Töne an.
Sie dachte an Inotschka. Ach, der würde sie sich auch gern hingegeben haben. Die würde sie gern zu ihren Schülerinnen gezählt haben.
Aber sie fühlte selbst, daß es nicht anging. Auch wider Wissen und Wollen hätte sie jeden Augenblick ihren Einfluß dem der Eltern entgegengerichtet.
Inotschka, halberwachsen, noch mager, mit ihren allzu ernsthaften Augen und einem so weichen Munde, einem so kußbedürftigen weichen Munde, blieb vor ihrer Phantasie stehn, während sie die leisen, dunkeln Töne anschlug — —.
Darüber merkte sie gar nicht, daß sich die Thür zum Spalt öffnete.
Beide Mädchen und Doktor Tomasow drängten sich geräuschlos in den Rahmen der Thür.
Und da weckte ein fröhliches Gelächter Marianne aus ihrem Sinnen. Sie schaute sich um. Alle drei standen sie da und lachten sie aus.