»Wir brauchten keinen Schutz. Gegen nichts. Wir hatten ja einander.«

»Zugegeben. Aber wer von Ihnen schützte wen?«

»Jeder den andern. — Ach, es ist nur eins nicht zu fassen: daß der eine zurückbleibt, wenn der andre geht. Wie mag denn das nur möglich sein? — — Arme Menschen, daß es so ist.«

Er erhob sich, um das Bild auf den Schreibtisch zurückzustellen.

»Keine solchen Worte, Marianne! Keine solchen Aufwallungen, auch nicht für Sekunden! Sie haben an sich selbst erfahren, daß das Leben immer wieder neu keimt.«

»Ja, das Leben: das heißt meine Kinder.«

Tomasow nahm wieder Platz im Schaukelstuhl. Nach einer Pause, in der er schweigend vor sich hinrauchte, sagte er langsam: »Mir hat es doch immer scheinen wollen, als ob in Ihnen ein starkes Bedürfnis ist nach einer Ueberlegenheit neben Ihnen, — nach jemand, zu dem Sie aufblicken. Sie haben so viel vom Kinde irgendwo in sich, Marianne. — Daher kann ich Sie mir vielleicht so schwer an der Seite — an ›seiner‹ Seite vorstellen.«

Sie lehnte in ihren Stuhl tief hineingeschmiegt und starrte wie gebannt auf den Rahmen. Auf ihren Wangen lag ein leichtes Rot.

»O über uns beiden war ja so viel — über uns beiden!« sagte sie mit halber Stimme. »Wozu noch eine andre Ueberlegenheit? Wir wandelten, ineinander geschlungen, gemeinsam unter so hohen Träumen, so hohen Zielen entgegen. Und ich meine immer: was wir da lebten, nur das ist Leben. Von allen Seiten wölbte es sich um uns wie ein Himmel, dem gaben wir uns anheim. Und so war uns jede Krume Erde eine Heimat.«

Tomasow dachte wieder: »Wie zwei Kinder.« Doch erwiderte er nichts.