Aber zugleich gestand er sich, daß diese Kinder es allein gewesen waren, die einst Marianne die Fähigkeit zum Leben wiedergegeben hatten.
Ursprünglich schien der gewaltsame Schmerz um den toten Gatten auch die Mutter in ihr getötet zu haben. Als man sie nach Rußland brachte, — mit ihren beiden allerliebsten kleinen Dingern, — da war sie nicht bereitwillig, weiterzuleben. Sie konnte nicht leben. Und in der Verwandtschaft begann man, von Geistesstörung zu sprechen und von Ueberführung in eine Heilanstalt.
Damals, während dieser ersten furchtbaren Verzweiflungszeit ihres Schmerzes, sah Tomasow Marianne zum erstenmal.
Er selbst kam grade verstimmt aus dem Auslande. Nach Jahren anregenden Genusses und interessanter Arbeit in Wien und Paris, erschien ihm zu Hause alles so schal und abgestanden, so gänzlich regungslos. Und am wenigsten spürte er Lust, sich hier wieder dauernd in seine ärztliche Praxis einzugewöhnen.
An einem dieser Tage wurde er zu Marianne hineingeführt.
Auf dem Boden ihres Zimmers kauernd, das braune Haar dicht und wirr um ihr armes Gesicht, — das Gesicht eines fassungslos leidenden Kindes, — ganz stumm und sehr abgemagert, denn sie weigerte sich, Nahrung zu sich zu nehmen: so sah er sie zum erstenmal.
Was ihn betroffen machte und fesselte, von allem Anfang an, das war die Stärke dieses Temperaments, das gegen den Tod anstürmte, ihm innerlich fortwährend seine Beute abzujagen schien. Nie, meinte Tomasow, ein Gleiches an Seelenkampf geschaut zu haben, — an Kampf gegen das Unentrinnbare, — wie er jetzt Tag um Tag vor sich sah, seitdem er begonnen hatte, Marianne seine ärztliche Pflege zu widmen.
Ihre Verwandten bedauerten sie aufrichtig, aber ihnen war von Beginn an die Ehe verrückt vorgekommen. Beide Gatten so blutjung, beide noch kaum reif für den großen Jubel und den großen Ernst, den sie vom gemeinsamen Leben erwarteten, — und der junge Künstler noch keineswegs genügend zu Geld oder zu Ruhm gelangt, als er um Marianne warb. Daß er auch dazu, wie zu allem, eben ihrer Nähe bedurfte, verstanden die vernünftigen Leute nicht. Und er durfte sie auch keines Bessern belehren, denn als es ihm eben gelingen wollte, mußte er schon sterben.
Das jedoch war wiederum Marianne unfähig zu verstehn, — nein, nie und niemals vermochte sie es zu fassen, daß das Leben wider ihren liebsten Menschen sein konnte, daß es ihn sterben lassen, — ihn im Stich lassen konnte.
Auf Tomasows Rat kam Marianne aufs Land. In einem Dorf bei Moskau bezog eine alte Verwandte mit ihr ein kleines Landhaus, dicht neben einem verwilderten Park gelegen, der zu einer ehemaligen Privatbesitzung gehörte.