Es wurde grade Frühling, — später nordischer Frühling. Unendliche Ebenen im ersten Ergrünen, weite knospende Birkenwälder, ein stiller baumumstandener See —.
Dort in der Einsamkeit, dort im Frühling, dessen sanfte Schönheit ihr bis zu Tode wehe that, und der ihr mit seinem Zauber die Seele blutig riß, tobte sich für Marianne das Schwerste rückhaltlos aus.
Sie gesundete vielleicht aus der nämlichen Kraft heraus, aus der sie gelitten hatte, — sie durchkostete ihren Schmerz viel zu stark und inbrünstig, um sich nicht eines Tages auch selbst von ihm zu heilen.
Von der Veranda des Landhauses führte ein primitives Holzbrückchen, über etwas morastiges Wassergerinsel geschlagen, direkt auf die grasbewachsenen Wege des alten Parks. Unzählige Mückenschwärme durchsummten ihn im Sommer und hielten beständig einen feinen dunkeln Ton in der Luft fest; warm und feucht stieg von den schattigen Wiesen der Duft über üppig verwilderten Blumen auf, und hier und da stand eine zusammengebrochene, bemooste Steinbank an lichte Birkenstämme gebaut. Hier hinaus fuhr Tomasow jeden Tag. Wenn er kam, pflegten ihm die beiden kleinen Mädchen schon entgegenzulaufen, Annunciata, die Aeltere, mit muntern großen Sprüngen, und die jüngere, Sophie, die immer zu hastig lief und oft über ihre eignen kleinen Beine stolperte, bis sie endlich der Länge nach und mit bitterm Geschrei bei ihrem Freunde angelangt war.
In der Stadt und in seinen eignen Angelegenheiten beschäftigten Tomasow allerlei komplizierte Sorgen: wie er sich zur Heimat stellen, sich in ihr einleben werde, und warum ihr noch so vieles abgehe, was in den kulturreifern Ländern des Auslandes längst auf der Tagesordnung stand? Aber hier in diesem sommerdunkeln Park, bei Marianne und ihren Kindern, verblaßte ihm regelmäßig die Wichtigkeit aller Kultur- und Geistesfragen. In den Vordergrund trat das Leben in seiner elementarsten, seiner einfachsten Bedeutung, — das Leben angesichts des Todes und die Frage, ob es zu ertragen sei. Es kam ihm vor, als müsse das Leben etwas Schönes sein, weil er Marianne leise dazu zurückkehren sah, — ganz leise anfangs, indem sie mit den Kindern zu spielen begann.
Noch ehe sie wieder für sie zu sorgen und zu denken wußte, spielte sie mit ihnen, als sei sie selbst noch nicht viel mehr, als ein schwaches Kind. Und doch hatte sie damit schon die große Frage für sich beantwortet.
Der erste Gedanke, der später ganz von ihr Besitz nahm, war ebenfalls naheliegend und primitiv: der Drang, für das tägliche Brot zu arbeiten. Für den Augenblick war diese Sorge ihr von andern abgenommen worden, — und im Fall der Not versprach man, ihr auch die Kinder abzunehmen.
Sie wollte mit ihnen zusammenbleiben können, sie selbst ernähren können. Daran erstarkte sie.
Tomasow erinnerte sich gut des entscheidenden Gespräches darüber, an einem unerträglich heißen Sommernachmittag voll Gewitterdrohungen, auf einer Bank im Park. Er ging auf alles ein, was Marianne wünschte, froh, sie überhaupt schon so weit zu haben, daß ihr starke Wünsche und Sorgen kamen. Er erbot sich auch, alle ersten notwendigen Schritte in der Sache zu thun.
Da hob Marianne die kleine Sophie auf ihren Schoß und sich zu Cita niederbeugend, die sich neugierig horchend an ihr Knie drückte, rief sie leise: »Jetzt wird Ma für ihre lieben Kinder schrecklich viel zu thun bekommen! Und je mehr sie thut, desto schöner und größer sollen sie ihr werden, von Tag zu Tage! Ist das nicht herrlich, ihr Kinder?«