— In diesem Augenblick begriff er, wie nah er ihr in der schweren Zeit getreten war als der Unbeteiligte, Unbeeinflußte, der sich ihr ärztlich und menschlich mit strenger Sachlichkeit gewidmet hatte. Er begriff, wie viel sie seiner Hilfe zuschrieb, was zu einem großen Teil die Hilfe ihrer eignen Natur gewesen war.

Ihr sollte er helfen, fortan dem Leben gewachsen zu sein, — dabei aber lebte er noch sein eignes Leben in unschlüssigem Zwiespalt —.

Und dennoch: er fing an, daran zu glauben, daß es ihm ihr gegenüber gelingen werde. Ein so starker Appell an seine eingreifende, planvolle Kraft ging von diesen ruhig vertrauenden Augen aus, — eine so starke Freude an der ihm auferlegten Verantwortung weckten sie in ihm, als spannten sich alle Fähigkeiten seiner Seele auf ein Ziel hin.

Und seltsam: gleichzeitig empfand er es noch nie so bitter wie in der Stunde, nicht selber zwiespaltlos und einheitlich, mit voller Thatkraft, im Boden seiner Heimat zu wurzeln. Hätte er nicht schon als Jüngling, — in jugendlicher Begeisterung zu allem bereit, — immer nur an die harte, hohe Mauer der bestehenden Zustände stoßen müssen; hätte er nicht erst im Auslande draußen seine volle Entwicklung finden müssen; hätte er, vom Heimweh zurückgezerrt, nicht davon absehen müssen, in seiner Heimat grade diejenigen Einsichten und Fortschritte zur Wirksamkeit zu bringen, deren sie ganz augenscheinlich am dringendsten bedurfte, — — wie ganz anders würde sich dann für ihn als Mann, als Mensch, sein Leben zusammengefaßt haben! Wie oft würde es einen ähnlich starken, — und stärkern Appell an seine Leistungskraft enthalten haben!

Aber davon sprach er nie zu jemand; in der Fremde sprach er von der Heimat nur leise, und dann zärtlich, wie von einem leidenden Kinde, das auch nur anzurühren man Fremden schon verwehrt; und daheim konnte er von seinen Jahren im Auslande nicht mit dem Accent reden, den sie für ihn besaßen, weil hier alle seine Worte unwillkürlich so ausfielen, als sei ihm bloß egoistisches Genußleben gewesen, was ihm dort mindestens ebensosehr als eifriges und ernstliches Arbeitsdasein vorgekommen war.

Er schwieg deshalb, mißtraute den Menschen, und sie vertrauten ihm nicht mehr recht.

— — Während er im alten, dichten Park auf der Steinbank unter den Birken saß, schaute er, in solche Gedanken versunken, auf Marianne hin.

Sie blickte gradeaus über die Wiesengründe in die Ferne, den Kopf ein wenig vorgeneigt, die Hände leicht im Schoß gefaltet. Der lose aufgesteckte Haarknoten ließ die sanfte Wölbung der Nackenlinie wundervoll frei.

Kein einziger Zug bewußter Selbständigkeit in der gesammelten Haltung, und doch etwas wie Getrostes —

Es erfüllte ihn mit Erstaunen!